Israels Kriegsstrategie gegen Iran und Hisbollah: Gezielte Tötungen und ihre Folgen
Israels Kriegsstrategie: Tötungen gegen Iran und Hisbollah

Israels Kriegsstrategie gegen Iran und Hisbollah: Gezielte Tötungen und ihre Folgen

Die israelische Armee führt einen unerbittlichen Angriffskrieg gegen die iranische Führungselite. Verteidigungsminister Israel Katz verkündete nach der Tötung des iranischen Geheimdienstministers Ismail Chatib, dass keine ranghohe Person im iranischen Machtapparat mehr sicher sei. Jeder wichtige Funktionär könne nun „ohne weitere Genehmigung“ direkt von israelischen Streitkräften eliminiert werden. Diese martialische Drohung unterstreicht die Eskalation des seit dem 28. Februar andauernden Konflikts.

Widersprüchliche Kriegsziele und politische Motive

Seit Kriegsbeginn gibt es widersprüchliche Angaben Israels und der USA zu den konkreten Kriegszielen und der geplanten Dauer der Angriffe. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bekräftigte zuletzt, das Ziel sei es, dem iranischen Atom- und Raketenprogramm „tödliche Schläge“ zu versetzen, da Israel sich dadurch existenziell bedroht sehe. Die Angriffe im Iran könnten zudem die Bedingungen für einen Sturz der Machthaber schaffen – dies hänge jedoch letztlich vom iranischen Volk ab.

Kritiker werfen Netanjahu vor, er verfolge mit dem Krieg in einem Wahljahr auch persönliche Ziele. Der Kampf gegen den Iran sei eine Art Befreiungsschlag für den Premier, gegen den seit sechs Jahren ein Korruptionsprozess läuft und dessen politisches Erbe vom Versagen während des Hamas-Massakers am 7. Oktober 2023 überschattet ist.

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Tödliche Schläge gegen die iranische Führungsriege

Mit dem Ziel einer Schwächung des iranischen Machtapparats hat Israel bereits zahlreiche ranghohe Mitglieder ins Visier genommen, darunter auch Irans obersten Führer Ali Chamenei. Am Montag wurde außerdem der einflussreiche Generalsekretär des Sicherheitsrats, Ali Laridschani, gezielt getötet. Dazu kommen unerbittliche Schläge gegen die Revolutionsgarden und die Basidsch-Milizen, die auch hinter der brutalen Niederschlagung der Proteste im Januar stehen.

Mit massiven Angriffen im Libanon will Israel zudem den wichtigsten Verbündeten des Irans, die Hisbollah-Miliz, deutlich schwächen. Beide Feinde feuern regelmäßig Raketen auf israelische Städte und Ortschaften, was die regionale Sicherheitslage weiter destabilisiert.

Erfolgschancen und strategische Bewertungen

Israel und die USA hätten bisher klare operative Erfolge im Krieg erzielt, sagt der angesehene israelische Iran-Experte Danny Citrinowicz. Besonders die iranische Rüstungsindustrie sei um Monate, vielleicht Jahre zurückgeworfen. Der Wiederaufbau werde sicherlich deutlich schwerer sein als nach dem letzten Krieg im Juni 2025.

Auch die Tötung Laridschanis sei zweifellos bedeutsam, erklärt Citrinowicz. Dieser habe als wichtiges Verbindungsglied zwischen dem politischen und dem militärischen System gedient. Seit Kriegsbeginn und nach der Tötung Chameneis bildeten jedoch die Revolutionsgarden das Zentrum der Macht, mit Kommandeur Ahmad Wahidi als wichtigstem Vertreter.

Führen gezielte Tötungen zum Sturz des Machtapparats?

Die Tötung Laridschanis habe das Gefühl der Bedrohung innerhalb der Führungsriege verstärkt und erschwere die Entscheidungsfindung. „Die Iraner haben aber immer wieder bewiesen, dass sie sich auch von der Tötung zentraler Führungspersonen erholen können“, sagt Citrinowicz. „Die Tötungen sind bedeutsam, aber sie allein werden nicht zum Sturz des Systems führen.“

Ähnlich sieht es der französische Politikwissenschaftler Sébastien Boussois. Er vergleicht den iranischen Machtapparat mit einer Hydra: Wenn man einen Kopf abschlage, wüchsen gleich mehrere nach. Das System ist absichtlich so aufgebaut, dass sein Überleben nicht von einer einzelnen Person abhängt.

Der israelische Experte Raz Zimmt meint ebenfalls, gezielte Tötungen allein würden vermutlich für einen Machtwechsel nicht ausreichen. „Eine anhaltende Politik der gezielten Ausschaltung führender Persönlichkeiten innerhalb der politischen und Sicherheitselite könnte die Spaltungen in der Führung Irans vertiefen und dadurch die Chancen erhöhen, ihre Grundlagen zu destabilisieren“, schreibt er in der Zeitung „Jediot Achronot“.

Auch der iranische Historiker Arash Azizi schreibt auf der Plattform X, sollten die USA und Israel „20 oder 30 mehr Laridschanis töten“, sei eine Art Kollaps des Systems zumindest denkbar.

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Proteste und Radikalisierung als mögliche Folgen

Zu der Hoffnung, dass die Schwächung des iranischen Machtapparats die Menschen im Land zu erneuten Protesten bewegen könnte, sagt Citrinowicz: „Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering.“ Netanjahus Appelle zum Aufstand wurden von vielen Iranerinnen und Iranern als zynisch bezeichnet. Der iranische Sicherheitsapparat hat bereits angekündigt, mit voller Härte gegen neue Proteste vorzugehen.

Citrinowicz warnt, dass der Krieg nicht nur sein Ziel verfehlen, sondern auch eine weitere Radikalisierung der iranischen Führung bewirken könnte. Laridschani sei moderater gewesen als etwa Wahidi. Seine Tötung könnte zur Stärkung der härteren Fraktion im Iran führen.

Experte Azizi sieht selbst bei einem Machtwechsel die Nachfolge durch eine Person, die aus dem System stammt, als wahrscheinlich. Diese könnte dann einen neuen autoritären Staat anführen, aber womöglich eine Form der Kooperation mit Israel und den USA finden.

Citrinowicz rechnet dagegen damit, dass das iranische System geschwächt, aber radikaler den Krieg überstehen und Israel „in Zukunft noch mehr Probleme bereiten“ könnte als zuvor. Dazu gehöre die Möglichkeit einer atomaren Aufrüstung. „Wenn wir in ein oder zwei Jahren zurückblicken auf den Krieg, kann es gut sein, dass wir sagen, dass er nicht erfolgreich war, weil er den Iran zwar beschädigt, in der Atom-Frage aber über den Rubikon gedrängt hat“, warnt der Experte.

Israel müsse sich daher gut überlegen, ob es weiter den Sturz der Machthaber anstreben oder sich angesichts „schrumpfender Erfolge“ gemeinsam mit den USA den besten Punkt für einen Ausstieg aus dem Krieg suchen sollte. Die Vereinbarung eines Waffenstillstands werde sich allerdings angesichts des tiefen gegenseitigen Misstrauens äußerst schwierig gestalten.