Jordan Bardella: Der 30-jährige TikTok-Star als Frankreichs nächster Präsident?
Jordan Bardella: TikTok-Star als Frankreichs nächster Präsident?

Bardella als Ersatz für Le Pen? Umfragen sehen ihn vorn

Ein 30-Jähriger könnte Frankreichs nächster Präsident werden – und Emmanuel Macron nach zehn Jahren beerben. Jordan Bardella, Parteichef des rechtsextremen Rassemblement National (RN), wird womöglich statt Marine Le Pen bei der Wahl im Frühjahr 2027 kandidieren. Dies wäre der Fall, wenn Marine Le Pen entscheidet, nicht als verurteilte Straftäterin und mit einer elektronischen Fußfessel in den Wahlkampf zu ziehen. Ansonsten würde ihr politischer Ziehsohn Bardella als Ersatzmann einspringen.

Seine Popularität spricht für sich: Gutes Aussehen, feine Anzüge und ein geschickter TikTok-Auftritt machen ihn gerade bei Jüngeren beliebt. Statt Parteijargon spricht er wie ein Influencer – und erreicht so 2,3 Millionen Follower. Das zeigt sich auch in den Umfragen, wonach er wohl ziemlich sicher in die Stichwahl am 2. Mai 2027 käme. Die jüngste Erhebung des Instituts Ifop-Fiducial ergab, dass bis zu 37 Prozent der Befragten Bardella im ersten Wahlgang ihre Stimme geben würden – und nur 32 Prozent Marine Le Pen. Der drittplatzierte Kandidat ist demnach der liberal-konservative Ex-Premier Édouard Philippe, der weit abgeschlagen auf um die 20 Prozent der Wählerstimmen kommt.

Risiken eines Kandidatenwechsels und parteiinterne Spannungen

Aber ein Kandidatenwechsel beim RN birgt auch Risiken. Zuletzt hat Bardella stärker eigene Akzente gesetzt, die den politischen Positionen der Fraktionschefin teilweise entgegenstehen. Das könnte zu parteiinternen Spannungen bei der Ausarbeitung des Wahlkampfprogrammes und zu Irritationen bei Wählergruppen führen. Bereits seit dem Urteil vom März 2025 gegen Le Pen im Strafprozess um die planmäßige Veruntreuung von EU-Geldern bereitet der junge Politiker kontinuierlich auf die Macht vor.

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Nach seinen Memoiren „Was ich suche“ veröffentlichte er ebenfalls 2025 mit „Was die Franzosen wollen“ eine Art politisches Manifest. Letzteres ist in Frankreich immer noch eine Art Grundvoraussetzung für eine Präsidentschaftskandidatur. Bezeichnend ist auch der Verlag, bei dem Bardella unter Vertrag steht: „Fayad“ gehört zur Gruppe des rechtsnationalen Milliardärs Vincent Bolloré, der sein Medien- und Verlagsimperium offensiv für seine politische Agenda nutzt.

Politische Abnabelung: Unterschiede zu Le Pen in Wirtschaft und Außenpolitik

Während Le Pen mit ihren Prozessen beschäftigt war, setzte sich Bardella – trotz der demonstrativ zur Schau getragenen Harmonie – immer wieder von politischen Positionen seiner Förderin ab. Obgleich bei strikter Migrationspolitik Einigkeit herrscht, sind die Unterschiede in der Wirtschafts- und Außenpolitik deutlich. Bardella setzt auf wirtschaftsfreundlicheren Liberalismus, Le Pen hingegen tritt für staatliche Subventionen und Interventionen ein. So will der Parteichef Bürokratie verringern und setzt auf eine wachstumsfreundliche Steuerreform. Der Wirtschaft gefällt auch, dass Bardella anders als Le Pen das Rentenalter nicht wieder absenken will. Hier hatte Macron eine Reform durchgesetzt, die das Renteneintrittsalter heraufsetzt – sie ist derzeit nur ausgesetzt.

Belohnt wurde Bardellas Einsatz unter anderem damit, dass der französische Unternehmerverband Medef ihn als ersten Politiker seiner Partei im August 2025 zu seiner Sommerkonferenz einlud. Ebenfalls als erstes RN-Führungsmitglied besuchte er im vergangenen März Israel – auf Einladung des extremistischen Ministers für den Kampf gegen Antisemitismus, Amichai Chikli. Grundlage dafür war sicher der jahrzehntelange Einsatz Marine Le Pens gegen offenen Rassismus und Antisemitismus, für den die Partei unter ihrem Vater und Parteigründer Jean-Marie Le Pen stand und der sie für viele unwählbar machte. Aber, wohl wegen ihres Nachnamens und der familiären Verbindung, wurde die Fraktionschefin dennoch nie nach Israel eingeladen.

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Neue außenpolitische Akzente und Kollisionskurs mit Deutschland

Als politischer Thronfolger korrigierte Bardella den zunächst sehr prorussischen Kurs des RN: Pflegte Marine Le Pen jahrelang enge Kontakte nach Moskau, vertritt er eine deutlich distanziertere Linie und bezeichnet Russland als hybride Bedrohung für Europa und die französische Sicherheit. Doch was würde ein rechtsextremer Präsident für Frankreichs Beziehungen zu Deutschland und Europa bedeuten? „Die EU ist ein Verein zur Verteidigung deutscher Interessen“, sagte Bardella dem britischen „Economist“ im November 2025. Es ist naheliegend, dass er das ändern möchte. So kündigte er an, Frankreichs Beitrag zum EU-Haushalt neu verhandeln zu wollen. Dessen Höhe hält er für „verrückt“. Auch aus dem europäischen Stromnetz möchte der RN-Politiker austreten, weil Frankreich auf seinen eigenen Atomstrom setze und gezwungen worden sei, „für alle anderen mitzubezahlen“.

Doch von einem „Frexit“, einem Austritt aus der EU, ist keine Rede mehr. „Wir wollen alles verändern, ohne etwas zu zerstören“, lautet ein oft wiederholter Satz Bardellas, wenn er über Europa spricht. Die EU habe die Nationen, die Grenzen, die Verteidigung nationaler Interessen, und die Souveränität der Völker geschwächt und beschädigt. Diese Werte feierten weltweit ein Comeback – das müsse sich auch in Europa ändern, fordert er. Eine der populären Forderungen des RN lautet, Franzosen müssten bei wirtschaftlichen und sozialen Rechten vor Ausländern bevorzugt werden („préférence nationale“). Eine solche Politik bedeutete einen direkten Konfrontationskurs mit der EU.

Neue Allianzen in Europa und Nato-Kurs

Für eine Kursänderung in Brüssel sucht Bardella offenbar eine neue rechte Allianz mit der italienischen Regierungschefin Giorgia Meloni von der Partei Fratelli d’Italia oder der polnischen PiS-Partei. Bei einem Besuch in Warschau im Juni war er sowohl von dem der nationalkonservativen Partei nahestehenden Staatspräsidenten Karol Nawrocki als auch von deren Parteichef Jaroslaw Kaczynski zu Gesprächen empfangen worden. Dabei sitzen der RN und diese beiden Parteien im EU-Parlament bisher in unterschiedlichen Fraktionen. Bardella ist Vorsitzender der Fraktion Patrioten für Europa, in der sich die österreichische FPÖ und die ungarische Fidesz-Partei sowie Italiens Lega Nord und Spaniens Vox zusammengetan haben. Die Fratelli d’Italia und die PiS kooperieren dagegen in der Fraktion europäischer Konservativer und Reformer. Mit Hinblick auf die Nato schließt Bardella einen Austritt Frankreichs aus. Aber einen Rückzug aus den integrierten Kommandostrukturen der Verteidigungsallianz hält er mittelfristig für wünschenswert – allerdings nicht mitten im Ukraine-Krieg.

Privatleben zwischen Prinzessin und Ex-Partnerin

Am meisten Aufsehen erregte Bardella jedoch kürzlich mit seinem Privatleben, das nach Ansicht einiger Parteigenossen so gar nicht zu dem Image und der Klientel des RN passt. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Politiker hat sich im April von der Klatschzeitschrift „Paris Match“ mit seiner neuen Freundin beim Spaziergang auf Korsika ablichten lassen: der 22-jährigen Prinzessin Maria Carolina von Bourbon-Sizilien, die hauptsächlich in Monaco Hof hält. Der erste offizielle Auftritt des „Cinderella-Paares“ folgte dann bei einem der wichtigsten Termine des internationalen Jetset, dem Formel-1-Rennen am 7. Juni in Monaco. Doch die neue Liaison gibt den parteiinternen Kritikern Auftrieb, die befürchten, dass Bardella Facharbeiter und die ländliche Bevölkerung als wichtige Wählergruppen mit seinem Eintritt in den internationalen Jetset verstört.

Diese private Beziehung ist auch in anderer Hinsicht ein weiterer Schritt der Emanzipation vom Le-Pen-Klan: War Bardella doch bis 2024 jahrelang mit der Nichte Marine Le Pens liiert, Nolwenn Olivier. Diese wiederum ist Teil des inneren Zirkels des Familienklans und hat die Social-Media-Aktivitäten und das Image ihrer Tante in der Öffentlichkeit gesteuert. Mit seiner Ex-Freundin würde er als Kandidat allerdings wieder mehr zu tun haben: Die 29-jährige Olivier wurde am Freitag als Kommunikationschefin des Wahlkampfteams vorgestellt. Das soll auf Drängen Marine Le Pens geschehen sein. Diese hatte zwar der „Tribune Dimanche“ am Wochenende erklärt, sie werde weder „Tutorin noch Patentante“ Bardellas spielen, sollte er den RN bei der Präsidentschaftswahl repräsentieren. Aber der prägende Einfluss der Familie Le Pen soll wohl trotz des Stabwechsels gesichert bleiben.