Angelique Kerber: Abschied in Bad Homburg und Gedanken zum deutschen Tennis
Kerbers Abschied: Deutsche Tennis-Ikone blickt zurück

Eine große Karriere ist zu Ende! Am Sonnabendnachmittag stand Angelique Kerber (38) bei ihrem Abschiedsmatch auf dem Centre Court von Bad Homburg, wo am Sonntag „ihr“ Turnier beginnt, bei dem sie Sportdirektorin ist. Gegnerin: Ana Ivanovic (38), frühere Nummer 1 der Welt wie Kerber, und eine ihrer besten Freundinnen. Kerber gewann 6:3, 7:5 – Nebensache. Beim Seitenwechsel tanzten beide zu Helene Fischers „Atemlos“ ins Kerbers Karriereende. In BILD spricht sie über ihre drei Grand-Slam-Siege, das deutsche Tennis, den Job neben dem Muttersein und was im Leben nach dem Profitennis kommt.

Abschied und Emotionen

„Mein letztes Match bei den Olympischen Spielen in Paris liegt inzwischen fast zwei Jahre zurück. Vor einem Jahr kam mein Sohn Ben auf die Welt. Mir war es wichtig, noch einmal die Gelegenheit zu haben, Danke zu sagen. Vor allem bei meinen Fans, die mich über so viele Jahre begleitet und unterstützt haben. Dass ich diesen besonderen Moment bei meinem Heimturnier in Bad Homburg erleben darf und mit Ana Ivanovic eine meiner engsten Freundinnen auf der anderen Seite des Netzes steht, macht das Ganze für mich noch emotionaler und schöner“, sagte Kerber.

Auf die Frage, ob ihre Tochter Liana (3) eines Tages auf der Tour spielen könnte, antwortete sie lachend: „Sag niemals nie. Die Liebe zum Tennis scheint sie jedenfalls mit mir zu teilen. Bei uns läuft zuhause oft Tennis im Fernsehen, und mittlerweile hat sie auch selbst angefangen zu spielen. Seit ich ihr aus Australien ihren ersten Schläger mitgebracht habe, fliegen die Bälle bei uns regelmäßig durchs Wohnzimmer.“

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Serena Williams' Comeback und die neue Generation

Über Serena Williams' Rückkehr mit 44 Jahren sagte Kerber: „Ich finde es super interessant und spannend. Ich verstehe total, wenn Serena sagt, dass ihr die Emotionen, der Wettkampf und dieses besondere Gefühl fehlen. Das hat sie ihr ganzes Leben gemacht, und plötzlich ist das nicht mehr Teil des Alltags. Tennis ist ihre Leidenschaft. Über die Jahre erlebt man so viele besondere Momente und Gänsehaut-Augenblicke, die man nicht einfach ersetzen kann. Deshalb verstehe ich, dass sie das noch einmal spüren möchte. Gleichzeitig weiß ich, wie unfassbar hart dieser Weg ist, erst recht mit zwei Kindern.“

Kerber sieht im heutigen Frauentennis eine höhere Athletik und Variabilität, aber weniger Konstanz an der Spitze. „Du weißt gefühlt nie, wer beim Grand Slam ins Viertelfinale kommt. Es kommen ständig neue Spielerinnen hervor, die für Überraschungen sorgen. Wie Maja Chwalinska, die bei den French Open im Finale stand. Das war früher seltener.“

Kritik an Social Media und der deutschen Tenniszukunft

Kerber kritisiert den Einfluss von Social Media: „Die Gefahr besteht, sich nach einem guten Turnier oder einem großen Sieg zu früh zufrieden zu geben. Für mich war ein Erfolg immer der Ansporn für das nächste Ziel. Nach dem ersten Grand-Slam-Titel wollte ich den zweiten gewinnen, danach den dritten. Spielerinnen wie Aryna Sabalenka, Iga Swiatek oder Coco Gauff haben diesen Hunger weiterhin. Aber insgesamt habe ich manchmal den Eindruck, dass sich einige zu schnell mit dem Erreichten zufriedengeben.“

Zum Abstieg der deutschen Damen im BJK-Cup sagte sie: „Natürlich ist es enttäuschend, das mit anzusehen. Ich weiß, wie viel Herzblut ich über Jahre in den Wettbewerb gesteckt habe. Ich habe meinen Turnierkalender immer so geplant, dass ich für Deutschland spielen konnte, und dafür auch immer wieder andere Turniere oder Teile meiner Saison geopfert. Es war für mich etwas ganz Besonderes und eine große Ehre, Teil des Teams zu sein. Aktuell ist das eine schwierige Phase für das deutsche Damentennis, aber ich hoffe sehr, dass wir da bald wieder rauskommen.“

Blick auf junge Talente und eigene Karriere

Kerber nannte Ida Wobker als vielversprechendes Talent, warnte aber vor zu frühem Druck: „Sie ist erst 15 Jahre alt. Deshalb halte ich nichts davon, jetzt schon große Prognosen abzugeben. Im Tennis kann in diesem Alter noch so viel passieren, dass es einfach zu früh wäre, konkrete Vorhersagen zu treffen.“

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Auf die Frage, ob ihre Karriere vollkommen sei, antwortete sie: „Auf jeden Fall. Da muss ich nicht überlegen. Ich habe alles erreicht, was ich wollte.“ Über ihren ersten Grand-Slam-Titel mit 28 sagte sie: „Wer mich kennt, der weiß, ich zweifle immer. Ich habe mein ganzes Leben meinen sportlichen Zielen und Träumen untergeordnet. Ohne die Rückschläge, Zweifel und schwierigen Phasen wäre ich nie die Spielerin geworden, die ich am Ende war. Lange Zeit haben mir der Druck und meine eigenen Erwartungen zu schaffen gemacht. Deshalb bin ich heute sogar froh, dass mein erster Grand-Slam-Titel erst mit 28 kam und nicht schon mit 18.“

Lieblingsgegnerin und unvergessene Matches

Kerber bezeichnete Maria Sharapova als ihre Lieblingsgegnerin: „Das war immer besonders, die Intensität der Matches werde ich nie vergessen. Ich fand es mega, gegen sie zu spielen. Ihr Stil hat mir gelegen.“ Auf die Frage nach einer ungeliebten Gegnerin sagte sie: „Mit Viktoria Azarenka habe ich mich auf dem Platz immer schwergetan. Ihr Spiel lag mir überhaupt nicht. Eigentlich habe ich gegen sie gefühlt 20 Mal verloren. Umso schöner war es, dass ich sie ausgerechnet bei meinem Australian-Open-Sieg 2016 schlagen konnte.“

Über Alexander Zverevs ersten Grand-Slam-Titel in Paris freute sie sich: „Ein gigantisches Turnier. Endlich hat er seine Chance genutzt. Ich glaube, jetzt will er noch mehr und wird versuchen, das auch zu beweisen. Aber egal, was noch kommt: Diesen Titel kann ihm niemand mehr nehmen. Ich habe Melbourne, Wimbledon und die US Open gewonnen, er Paris und Olympia. Zusammen haben wir jetzt quasi den deutschen Golden Slam komplett. Ist das nicht eine schöne Vorstellung?!“