Überraschende Entscheidung: Le Pen kandidiert trotz Verurteilung
Marine Le Pen hat nach ihrer Verurteilung in zweiter Instanz wegen Veruntreuung von EU-Geldern überraschend ihre Kandidatur für die französische Präsidentschaftswahl angekündigt. Gleichzeitig legte sie Revision gegen das Urteil ein. Der Frankreich-Experte Jacob Ross analysiert im Gespräch mit dem Tagesspiegel die Beweggründe der Rechtspopulistin.
Ross: Le Pen will Kontrolle demonstrieren
„Das ist auf jeden Fall der Eindruck, den sie der französischen Öffentlichkeit vermitteln will“, sagt Ross. Die Ankündigung sei ein Risikospiel, denn Le Pen hätte auch mit dem abgeschwächten Urteil in zweiter Instanz antreten können. Stattdessen wähle sie den Weg der Berufung, um nicht den Anschein zu erwecken, sich von der Justiz treiben zu lassen. „Sie möchte diejenige sein, die die Kontrolle über ihr Handeln behält“, so Ross. Notfalls sei sie bereit, im kommenden Frühjahr mit einer elektronischen Fußfessel in den Élysée-Palast einzuziehen.
Wortbruch und strategische Neuausrichtung
Die Entscheidung bedeutet auch einen kleinen Wortbruch: Bislang hatte Le Pen ihren Parteikollegen Jordan Bardella als Kandidaten für die Präsidentschaftswahl ins Spiel gebracht. Nun tritt sie selbst an. Ross bewertet dies als kalkuliertes Risiko: „Sie ist die stärkere Kandidatin“, zitiert er die Einschätzung aus dem Lager der Rechtsextremen. Die Umfragen sehen Le Pen derzeit bei etwa 30 Prozent, während Bardella auf rund 25 Prozent käme. Die Verurteilung könnte jedoch Wähler abschrecken, die Wert auf Rechtstreue legen.
Auswirkungen auf das politische Frankreich
Die Ankündigung hat bereits für heftige Reaktionen gesorgt. Gegner werfen Le Pen vor, die Justiz zu missachten. Unterstützer hingegen sehen in ihr eine Kämpferin, die sich gegen ein vermeintlich politisches System stemmt. Sollte Le Pen tatsächlich mit einer Fußfessel antreten, wäre dies ein beispielloser Vorgang in der französischen Geschichte. Experten rechnen mit einer weiteren Polarisierung der Gesellschaft. Die Wahl findet im Frühjahr 2027 statt – sollte das Revisionsverfahren bis dahin nicht abgeschlossen sein, könnte Le Pen unter Auflagen kandidieren.



