Beim Nato-Gipfel in Ankara sind am Dienstag Rüstungsprojekte im Umfang von über 40 Milliarden Euro vorgestellt worden, darunter ein großer U-Boot-Auftrag aus Kanada für den Kieler Marineschiffbauer TKMS und die Beschaffung neuer Überwachungsflugzeuge. Auch die gemeinsame Entwicklung einer präzisen europäischen Langstreckenwaffe ist auf den Weg gebracht worden. In der Bundesregierung ist von einem Aufbruchsignal die Rede. Nato-Generalsekretär Mark Rutte sagte, die Verträge würden es der Nato ermöglichen, sich mit „der für die Abschreckung und Verteidigung unverzichtbaren Ausrüstung auszustatten“.
Milliardenschwere Aufrüstung – aber die Industrie hinkt hinterher
Doch so sehr Rutte und Kanzler Friedrich Merz (CDU) die Projekte feiern – eine Sorge von Nato-Militärs spielt in Ankara eine große Rolle: Viel Geld und Ankündigungen sind eines, einsatzbereite Waffen in den Streitkräften etwas ganz anderes. Die Nato-Staaten stellen jetzt zwar enorme zusätzliche Milliardensummen für die Verteidigung bereit, allein in diesem und im letzten Jahr haben Kanada und Europa 250 Milliarden Dollar für Rüstung obendrauf gelegt, wie Rutte vorrechnet. Aber in den Armeen kommt davon erst mal wenig an. „Die Botschaft der Nato an die Industrie ist ganz klar“, mahnt der Generalsekretär. „Seid bereit, macht schneller zusammen, mit neuen Produktionslinien, starken Lieferketten – liefert schnell, was wir brauchen!“
In der Nato wird an der Warnung der Nachrichtendienste festgehalten, dass Russland ab 2029 die militärischen Kapazitäten für einen Angriff haben könnte, doch die Industrie kommt nur schwer hinterher. In der Bundeswehr-Führung in Berlin wird inzwischen eingeräumt: „Wir werden die Lücken bis 2029 nicht gefüllt haben.“ In der Nato in Brüssel lautet die Kritik an den Waffenschmieden: „Zu langsam, zu schwerfällig, zu wenig.“ Rutte äußert schon deutlich die Sorge, dass die Unternehmen lieber die Preise erhöhen, als neue Fabriken zu bauen. „Im alten Tempo ist die Besatzung eines neuen U-Bootes noch gar nicht geboren, wenn der Bau des Bootes in Auftrag gegeben wird“, heißt es.
Rüstungskooperationen mit US-Firmen sollen Beschaffung beschleunigen
Die Sorge gibt es auch in der Bundeswehr. Der Bundestag hat allein im vergangenen Jahr große Rüstungsprojekte im Rekordumfang von 83 Milliarden Euro bewilligt. Eine interne Projektliste aus dem Verteidigungsministerium sieht Rüstungskäufe für die nächsten Jahre im Umfang von 377 Milliarden Euro vor, darunter Leopard-Kampfpanzer, Puma-Schützenpanzer, Boxer-Transportfahrzeuge, Satelliten, Skyranger-Systeme zur Drohnenabwehr. Bevor Deutschland Anfang der 2030er-Jahre gemeinsam mit anderen europäischen Staaten eigene Präzisionslangstreckenwaffen entwickelt hat, sollten 400 Marschflugkörper vom Typ Tomahawk aus US-Produktion beschafft werden. Patriot-Luftabwehrraketen sollen unter Lizenz auch in Deutschland produziert werden.
Doch so einfach lassen sich die großen Pläne nicht umsetzen. Es gibt gleich drei Probleme: Erstens haben nun auch die US-Rüstungskonzerne wegen des Iran-Kriegs Lieferprobleme, die Erneuerung der US-Bestände hat Vorrang und wird Jahre dauern. Industriekooperationen sollen dieses Problem lindern: So baut das Rüstungsunternehmen MBDA im bayerischen Schrobenhausen im Joint Venture mit dem US-Konzern Raytheon eine Produktion für die Lizenzfertigung des Patriot-Systems auf. Über eine ähnliche Kooperation für Tomahawks führt die Bundesregierung Gespräche mit Washington. Aber zweitens wachsen die Anforderungen an die Europäer: Die US-Regierung hat bereits Zusagen für Kampfjets, Drohnen oder Kriegsschiffe in den Nato-Ernstfallplanungen reduziert, bis Jahresende will sie auch Truppenabzugspläne aus Europa konkretisieren. Deutschland und Europa müssen im Eiltempo Ersatz organisieren: Es fehlt an Luftverteidigung, Langstreckenwaffen, Führungssystemen, Kommunikationsfähigkeiten, Satellitenaufklärung. Diese Lücken sind nach Expertenschätzung überwiegend innerhalb von zehn Jahren zu schließen, substanzieller Fortschritt für Europas Handlungsfähigkeit ist sogar innerhalb von drei bis fünf Jahren realistisch.
Wie der Krieg der Zukunft aussehen könnte, ist längst ein großes Thema
Die Europäer müssten dafür rund 500 Milliarden Euro aufbringen, so das Fazit einer Expertengruppe um den Chef des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, Moritz Schularick. Entscheidend seien aber weder Geld noch Technologie, sondern politische Führung, industrielle Koordination und das Ende der ineffizienten und teuren Zersplitterung der europäischen Verteidigung. Rüstungsexperte Schularick warnt: „Wenn wir so weitermachen wie bisher, bekommen wir die teuerste Armee Europas – aber nicht die stärkste.“ Die Bundeswehr habe sehr viele traditionelle Rüstungsgüter bestellt, die die Streitkräfte in den vergangenen 20 Jahren nicht haben durften. „Aber sehr wenig für das, was wir morgen brauchen.“
So sei es unverständlich, dass die Bundeswehr 3000 bemannte Radpanzer mit Lieferdatum im nächsten Jahrzehnt bestelle, statt auf unbemannte Landfahrzeuge zu setzen, die die Ukraine erfolgreich an der Front einsetze, sagt Schularick. Der Vorwurf wird in der Bundeswehr aber zurückgewiesen. Dort und in der Nato ist die Frage, wie der Krieg der Zukunft aussehen könnte, längst ein großes Thema. Die Nato hat in den USA ein eigenes Kommando für Transformation aufgebaut und betreibt in Polen ein Zentrum, wo Nato-Soldaten und ukrainische Militärs Lehren aus den Kämpfen in der Ukraine ziehen. Eine Blaupause für die Zukunft ist der Stellungskrieg in der Ukraine nicht. Aber, sagt der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer: „In der Ukraine erkennt man Muster der künftigen Kriege.“
Pistorius: 100.000 Drohnen im Arsenal nützen wenig, wenn sie schnell veraltet sind
Die Bundeswehr stellt sich darauf ein, dass in künftigen Konflikten alte und neue militärische Kampfführung zusammenfließen – Drohnen ersetzen dann nicht den Kampf mit Panzern, aber verändern ihn. Eine der wichtigsten Veränderungen sei die vollständige Transparenz des Schlachtfeldes durch die Drohnentechnologie, sagt Breuer. „Es ist kaum noch möglich, den Gegner zu überraschen, schnelle Bewegungen werden schwerer.“ Neu ist auch das enorme Innovationstempo, das im Ukraine-Krieg nicht nur den Drohneneinsatz ständig verändert – binnen weniger Monate sind technologische Entwicklungen einsatzreif auf dem Schlachtfeld. „Den Vorteil hat nicht derjenige mit den größten Kapazitäten. Sondern derjenige, der bei Fähigkeiten am schnellsten lernt und schneller anwendet“, meint der Generalinspekteur.
Entscheidend sei, die Produktion schnell zu steigern und Innovationen umzusetzen. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) beschreibt die Konsequenz so: Es bringe nichts, 100.000 Drohnen im Arsenal zu haben, die nach einem Jahr technologisch überholt seien. Bei den jüngsten Aufträgen für 12.000 Kampfdrohnen hat die Bundeswehr deshalb schon eine Innovationsklausel mit den Herstellern vereinbart, um regelmäßig zu prüfen, ob die Waffen noch auf modernstem Stand sind. „Wir müssen das Verhältnis zur Industrie ändern – sie muss mehr zu einem Partner werden“, sagt Nato-General Aurelio Colagrande, Vize-Kommandeur für Transformation. „Die Industrie muss verstehen, dass sie ein Instrument der Abschreckung ist.“



