WM-Talk: Staaten nicht von Fußballgemeinschaft ausschließen
WM-Talk: Staaten nicht von Fußballgemeinschaft ausschließen

Die Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko wirft gesellschaftspolitische Fragen auf. In der ersten Ausgabe der Tagesspiegel-Tribüne diskutierten Experten über die Frage: Wem gehört die Fußball-WM? Die Runde thematisierte die Lage in den USA, das Aufatmen nach Katar und den Einfluss Saudi-Arabiens.

Politische Dimension der WM

Zu Gast bei Inga Hofmann (Ressortleiterin Sportredaktion) und Felicia Mutterer (Geschäftsführerin FC Viktoria Berlin) waren der Islam- und Politikwissenschaftler Sebastian Sons sowie Anja Wehler-Schöck, Mitglied der Tagesspiegel-Chefredaktion. Bereits zu Beginn waren sich Wehler-Schöck und Sons einig: „Diese WM ist mindestens genauso politisch wie die in Katar“, so Sons. Die Weltmeisterschaft hätte „ein Event der Völkerverständigung werden können, das die Länder zusammenschweißt“, meinte Wehler-Schöck. Doch das Austragungsklima sei nun ein ganz anderes als erwartet.

Vor allem die Instrumentalisierung des Sportevents habe stark zugenommen, führte Sons aus. Es seien besondere Bedingungen für eine WM, dass das Gastgeberland sich im Krieg mit einem Teilnehmerland befinde. „Die globale Polarisierung spiegelt sich in der WM“, beschrieb Sons die Situation. Zudem habe der Konflikt direkte Auswirkungen auf den Wettbewerb: Der Iran wurde nach Mexiko ausquartiert und habe dadurch schlechtere Bedingungen als andere Teilnehmer.

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Perspektiven auf Austragungsländer

Ein zentraler Punkt der Debatte war die Frage, wo Sportevents stattfinden dürfen. Ein Rückblick auf die letzte WM habe gezeigt, dass die Beurteilung der Situation vor Ort eine Frage der Perspektive sei. „Für viele war die WM in Katar ein großartiges Turnier“, sagte Sons. Die Debatte um den Golfstaat sei zu einer „eindimensionalen und stereotypen“, teils islamfeindlichen Diskussion geworden. Anstelle in einen Dialog zu treten, habe man sich im gegenseitigen Verständnis weiter voneinander entfernt.

Eine ähnliche Beobachtung machte Sons in der Debatte um den Ausrichter der WM 2034. „In Deutschland gucken wir kritisch auf Austragungsländer wie Saudi-Arabien, im globalen Süden sieht das ganz anders aus.“ Natürlich müsse die Einhaltung der Menschenrechte ein Maßstab sein. Doch eine WM in einem umstrittenen Land könne im Idealfall „Türen öffnen und Fortschritt schaffen“, so Wehler-Schöck. Sons pflichtete bei: „Die WM ist eine Chance, um Länder wie Saudi-Arabien kennenzulernen.“

„Man darf Staaten nicht absprechen, Teil der Fußballgemeinschaft zu sein“, betonte der Islamwissenschaftler. Die Menschen eines Landes seien nicht gleichzusetzen mit dem System, in dem sie leben. Sons plädierte dafür, mehr auf die Grautöne zu achten. Andererseits würden Sportevents wie die WM auch von autoritären Systemen für ihre Konsolidierung genutzt. Die Diskussion über die WM in den USA habe für Sons daher eine ganz andere Qualität: „Momentan reden wir hier über Krieg und Frieden.“

Frustration gegenüber der Fifa

Doch auch in den USA rücken Menschenrechtsdiskussionen in den Mittelpunkt. Im Land herrsche ein „Klima der Rechtslosigkeit“, so Wehler-Schöck. Die Debatte habe in Deutschland eine andere emotionale Wucht als die über Katar: „Katar war uns teils fremd, wir teilen mit den USA eine andere Nähe. Deshalb dringt das Unwohlsein mehr durch.“

Die hohen Ticketpreise kamen ebenfalls zur Sprache. Diese WM gehöre nicht den Fans, sondern denjenigen, die bereit sind, dafür zu bezahlen, kommentierte Wehler-Schöck. Auch die Einreiseverbote der USA führten bei Fans zu „Ernüchterung und Frustration gegenüber der Fifa“. Der Weltfußballverband müsste daraus Lehren ziehen, bezweifelte sie jedoch: „Ich bezweifle aber, dass sie das tun.“ Sons ergänzte: „Solange wir weiter Fußball konsumieren, wird sich daran auch nichts ändern.“

Boykott als Option?

Zum Abschluss stellten die Moderatorinnen die Frage, ob ein Boykott die richtige Reaktion wäre. „Ich schaue es mir trotzdem gerne an“, gab Wehler-Schöck zu. „Ein Boykott ist jedem selbst überlassen“, pflichtete Sons bei. Die nächste Tagesspiegel-Tribüne findet am 24. Juni ab 19 Uhr im BRLO-Biergarten statt, Thema: Queer im Profifußball. Die Teilnahme ist kostenfrei.

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