Vor 70 Jahren: Familienvater nach politischem Schauprozess hingerichtet
Am 11. Februar 1956 endete das Leben von Werner Alfred Flach gewaltsam durch das Fallbeil in Dresden. Der damals 31-jährige Familienvater war zuvor in einem politisch motivierten Schauprozess in Prenzlau zum Tode verurteilt worden. Sein Sohn Hartmut W. Flach erinnert sich an die systematische Vertuschung durch die DDR-Staatsmacht: „Die Staatsmacht verweigerte aus Angst vor der Offenlegung eigener Verbrechen konsequent jede Auskunft und hielt die als streng geheim eingestuften relevanten Akten unter Verschluss.“
Ein Schicksal voller Brüche und Widerstand
Werner Alfred Flach, geboren am 7. Dezember 1924 im Vogtland, durchlebte eine bewegte Biographie:
- 1942 wurde er zum Armeedienst in die Wehrmacht eingezogen und diente als Obergefreiter in Frankreich, Italien und an der Ostfront
- 1945 geriet er in russische Kriegsgefangenschaft und trat 1948 in den Dienst der Volkspolizei in Zwickau
- 1949 wurde er nach Prenzlau versetzt, wo er 1953 zum Oberfeldwebel befördert wurde und heiratete
- Aus der Ehe gingen die beiden Söhne Hartmut und Burkhart hervor
In seiner Freizeit spielte Flach Fußball bei Lok Prenzlau und wurde schnell zu einem Leistungsträger der Mannschaft. Doch politisch entwickelte er sich anders: Geprägt vom stalinistischen Unrechtssystem lehnte er eine längere Tätigkeit in der Volkspolizei oder der im Aufbau befindlichen Armee strikt ab. Er glaubte an einen friedlichen Ausgleich zwischen Ost und West sowie an das Ende der deutschen Teilung.
Der Schauprozess und seine Vorgeschichte
Nachdem bekannt wurde, dass Flach in West-Berlin von Mitarbeitern des westdeutschen Geheimdienstes kontaktiert worden war, verhaftete man ihn, seine Ehefrau sowie zwei seiner Vorgesetzten. Der Schauprozess fand am 6. Februar 1956 im heutigen Prenzlauer Kultur- und Plenarsaal der Kreisverwaltung statt – rund 600 Offiziere der Kasernierten Volkspolizei nahmen daran teil.
Akten belegen, dass der damalige Staatssekretär des Ministeriums für Staatssicherheit, Erich Mielke, schon am 10. Januar 1956 die Tötung schriftlich verlangte und das SED-Politbüro auf seiner Sitzung am 24. Januar die Todesstrafe befürwortete. „Urteile, die auf Weisung gerichtsfremder Instanzen zustande kommen, stellen schwerwiegende Rechtsbrüche dar“, betont Hartmut Flach.
Fluchtversuch und familiäre Verbundenheit
Ein detaillierter Operativplan der Staatssicherheit sah vor, dass Flach bereits am 4. Juli 1955 festgenommen werden sollte. Unmittelbar vor dem Zugriff gelang ihm jedoch die Flucht auf dem Fahrrad, obwohl auf ihn geschossen wurde. Er konnte sich zunächst bei Verwandten verstecken und hätte die Möglichkeit gehabt, mit Unterstützung nach Westberlin zu fliehen.
Doch er entschied sich bewusst dagegen, seine Frau und seine Kinder zurückzulassen. „Diese Entscheidung zeugt von seinem Charakter, seinem Verantwortungsbewusstsein und seiner tiefen Verbundenheit mit der Familie“, ist Hartmut Flach bis heute stolz auf seinen Vater.
Systematische Vertuschung und späte Rehabilitation
Nach der Hinrichtung wurde der Leichnam von Werner Alfred Flach im Krematorium Dresden-Tolkewitz verbrannt, die Urne anonym in einem Massengrab verscharrt. Der Familie verweigerte der Staat jede Auskunft über den genauen Zeitpunkt und den Ort der Hinrichtung. Bis zum Fall der Mauer im November 1989 blieb das Schicksal Flachs für die Familie ungeklärt.
Erst Anfang 1990 erhielt die Familie auf Anfrage erstmals eine offizielle schriftliche Auskunft der DDR-Generalstaatsanwaltschaft. 1991 wurde die nummerierte Urne nach Prenzlau überführt und dort auf dem Prenzlauer Friedhof würdevoll beigesetzt. Im November 1992 erfolgte eine vollständige Rehabilitierung durch das Bezirksgericht Neubrandenburg.
Gedenken und historische Einordnung
Um an das Schicksal von Werner Alfred Flach zu erinnern, wurde 2010 im Foyer des Plenarsaales der Kreisverwaltung Uckermark ein Gedenkstein eingeweiht, der von dem Lychener Künstler Klaus Rätsch geschaffen wurde. Insgesamt 164-mal wurde die Todesstrafe in der DDR zwischen 1949 und 1981 per Guillotine oder „Nahschuss“ vollstreckt.
„Der Fall unseres Vaters ist nur einer von vielen politischen Prozessen und Verurteilungen in der DDR“, so Hartmut Flach. „Sie illustrieren die politischen Repressionen und die völlig unverhältnismäßig hohen Strafen als Abschreckung in autoritären Herrschaftssystemen.“ Gleichzeitig legen sie Zeugnis ab von einer Haltung, die autoritäre Systeme besonders fürchten: Das konsequente Streben nach Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.



