IWH-Präsident kritisiert einseitige Problemfokussierung bei Ostdeutschland
Der Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Reint Gropp, übt scharfe Kritik an der öffentlichen Debatte über Ostdeutschland. In einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur bemängelte er, dass die Entwicklung in den ostdeutschen Bundesländern viel zu häufig ausschließlich unter problematischen Gesichtspunkten wie Abwanderung oder Fachkräftemangel diskutiert werde. Diese negative Sichtweise sei nicht nur unzutreffend, sondern behindere auch eine objektive Betrachtung der tatsächlichen wirtschaftlichen Dynamik.
Wachstumsregionen in Ostdeutschland werden ignoriert
Gropp verwies darauf, dass einige der am schnellsten wachsenden Regionen Deutschlands in Ostdeutschland lägen. „Wenn Sie sich die am schnellsten wachsenden Regionen in Deutschland angucken, dann sind das Regionen in Ostdeutschland“, betonte der Volkswirt. Als konkrete Beispiele nannte er das Berliner Umland und Leipzig, die ein höheres Wachstum als beispielsweise München aufwiesen. Gleichzeitig räumte er ein, dass es in Ostdeutschland auch die am schnellsten schrumpfenden Regionen gebe, was die wirtschaftliche Heterogenität unterstreiche.
Forderung nach Abschaffung des Ostbeauftragten
Vor diesem Hintergrund sprach sich Gropp deutlich für eine Abschaffung des Amtes des Ostbeauftragten aus. „Der Ostdeutschland-Beauftragte ist ein Symbol für diese immer wieder betonte Benachteiligung des Ostens“, argumentierte er. Seiner Ansicht nach schade die permanente Fokussierung auf vermeintliche Nachteile der ostdeutschen Regionen deren Entwicklungspotenzial. Die derzeitige Ostbeauftragte ist seit Mai 2025 die SPD-Abgeordnete Elisabeth Kaiser aus Gera. Bereits im Herbst 2025 hatte Unionsfraktionsvize Sepp Müller aus Wittenberg in Sachsen-Anhalt ähnliche Forderungen erhoben und stattdessen einen Beauftragten für strukturschwache Regionen im gesamten Bundesgebiet vorgeschlagen.
Warnung vor politischen Konsequenzen eines AfD-Sieges
Der IWH-Präsident äußerte zudem deutliche Bedenken hinsichtlich eines möglichen Sieges der AfD bei der anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September. „Ich glaube, es würde sich dann jedes deutsche Unternehmen sehr gut überlegen, ob es in Sachsen-Anhalt investiert, einfach weil es Probleme haben wird, Mitarbeiter zu finden“, warnte Gropp. Er befürchtet, dass ein solches Wahlergebnis nicht nur regionale Investitionen beeinträchtigen, sondern auch bundesweite Auswirkungen haben könnte, da ausländische Investoren nicht zwischen einzelnen Bundesländern differenzieren würden.
Reint Gropp, der ursprünglich aus dem Ruhrgebiet stammt, leitet seit 2014 das renommierte Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle. Seine kritischen Äußerungen werfen ein neues Licht auf die oft emotional geführte Debatte über die wirtschaftliche Entwicklung in den ostdeutschen Bundesländern und fordern zu einer differenzierteren Betrachtung heraus.



