Ein Jahrzehnt nach Westerwelles Tod: ARD-Dokumentation beleuchtet Leben und Vermächtnis
Es sind bereits zehn Jahre vergangen, seit Guido Westerwelle, der ehemalige Außenminister und FDP-Vorsitzende, im Alter von nur 54 Jahren an Leukämie verstarb. Heute wäre er 64 Jahre alt – ein Alter, in dem andere Politiker noch Karrierehöhepunkte erreichen könnten. Stattdessen ruht Westerwelle seit einem Jahrzehnt auf dem Kölner Melaten-Friedhof, wo eine lebensfroh wirkende Skulptur mit Knollennase sein Grab ziert. In Bonn erinnert eine Brücke an ihn, in Berlin trägt eine Stiftung seinen Namen.
Die ARD-Dokumentation: Ein filmisches Porträt gegen das Vergessen
Anlässlich des zehnten Todestages zeigt die ARD nun einen 90-minütigen Dokumentarfilm mit dem schlichten Titel „Westerwelle“. Die lineare Ausstrahlung erfolgt am Montag im Ersten um 22:50 Uhr, anschließend ist der Film in der Mediathek verfügbar. Es handelt sich um eine freundlich gehaltene Produktion, die viele Zeitzeugen und historische Aufnahmen aus einer Ära vereint, als Donald Trump, Instagram und Künstliche Intelligenz noch keine dominante Rolle spielten.
Die Dokumentation erinnert an Westerwelles markante Auftritte: das „Guidomobil“, mit dem er durchs Land fuhr, sein Besuch im „Big Brother“-Container und die berühmte 18 auf der Schuhsohle, mit der er in Talkshows für seine Partei warb. Während viele Szenen aus TV-Archiven bereits bekannt sind, bietet der Film eine neue Tonspur mit bisher unveröffentlichten Aufnahmen. Diese stammen aus Gesprächen, die Westerwelle im Herbst 2014 auf Mallorca mit dem Journalisten Dominik Wichmann für seine Biografie „Zwischen zwei Leben“ führte – zu einem Zeitpunkt, als er bereits von seiner Krankheit wusste.
Persönliche Einblicke und politische Leerstellen
Tragende Figur des Films ist Westerwelles Ehemann Michael Mronz, der heute 59-jährige Unternehmer. Er schildert intime Momente aus den gemeinsamen 13 Jahren, darunter den Heiratsantrag und die Trauung im Jahr 2010, bei der Westerwelle Tränen in den Augen hatte. Besonders bewegend beschreibt Mronz den Abend des 22. September 2013, als die FDP nach fast 65 Jahren aus dem Bundestag flog: „Ich habe Guido zum ersten Mal richtig weinen gesehen an dem Abend.“
Neben Mronz kommen zahlreiche FDP-Weggefährten zu Wort, darunter die ehemaligen Gesundheitsminister Philipp Rösler und Daniel Bahr sowie der frühere Finanzminister Christian Lindner. Alle kreisen um die eigene Vergangenheit, was dazu führt, dass im Fernsehen seit langem nicht mehr so viel FDP-Präsenz zu erleben war. Auffällig ist jedoch, dass Vertreter anderer Parteien kaum berücksichtigt werden. Lediglich Renate Künast von den Grünen und Berlins ehemaliger SPD-Bürgermeister Klaus Wowereit äußern sich. Von der einstigen Koalitionspartnerin CDU/CSU – einschließlich Angela Merkel und Horst Seehofer – sagt in den gesamten 90 Minuten niemand ein Wort.
Unbeantwortete Fragen und politisches Schweigen
Besonders auffällig ist die Zurückhaltung des Films in außenpolitischen Fragen. Obwohl zahlreiche ehemalige Außenminister und Diplomaten im Ruhestand Auskunft geben könnten, kommt hier nur Michael Mronz zu Wort – selbstverständlich in lobender Absicht. Noch bedeutsamer ist eine Frage, die der Film gänzlich ausspart: Was würde Guido Westerwelle mit 64 Jahren zum Zustand seiner Partei und zur aktuellen politischen Lage sagen? Diese naheliegende Reflexion bleibt in anderthalb Stunden unbeantwortet.
Der zentrale Satz Westerwelles aus den Mallorca-Gesprächen hallt nach: „Jahrzehntelang war ich ein Starker. Und plötzlich bin ich ein ganz Schwacher.“ Die ARD-Dokumentation zeigt diesen Politiker zwischen Stärke und Schwäche, zwischen öffentlicher Rolle und privatem Schicksal. Doch sie hinterlässt auch das Gefühl, dass viele politische Dimensionen seines Wirkens und Erbes unausgeleuchtet bleiben.



