Schulstreik gegen Wehrpflicht: Eine neue junge Friedensbewegung entsteht
Am heutigen Donnerstag versammelten sich bundesweit etwa 50.000 Schülerinnen und Schüler in rund 150 Städten zu Protesten gegen die Wiedereinführung der Wehrerfassung. Allein in Berlin kamen unter strahlend blauem Himmel rund 3.000 Menschen, überwiegend Jugendliche, auf dem Potsdamer Platz zusammen. Die Demonstration unter dem Motto "Schulstreik gegen Wehrpflicht" markiert möglicherweise den Beginn einer neuen jungen Friedensbewegung in Deutschland.
Déjà-vu der Achtzigerjahre
Für viele ältere Teilnehmer weckte die Kundgebung Erinnerungen an die Friedensbewegung der 1980er Jahre. Damals protestierten Hunderttausende gegen die Nachrüstung mit atomaren Pershing-II-Raketen und forderten "Frieden schaffen ohne Waffen". Vierzig Jahre später geht es erneut um eine als alternativlos dargestellte Aufrüstung, die nach Ansicht der Bundesregierung notwendig ist, um die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu verteidigen.
Am 5. Dezember 2025 beschloss der Bundestag die verpflichtende Musterung junger Männer und die Wiedereinführung der Wehrerfassung. Der Wehrdienst selbst bleibt zunächst freiwillig, doch Verteidigungsminister Boris Pistorius will in diesem Jahr 20.000 Freiwillige finden. Sollte dieses Ziel nicht erreicht werden, kann der Bundestag eine sogenannte Bedarfswehrpflicht beschließen.
Jugendliche Positionen und Widersprüche
Im Zentrum der Berliner Demonstration standen junge Aktivistinnen und Aktivisten wie die 18-jährige Selma Kuhlmann Costa vom Robert Blum-Gymnasium in Schöneberg. "Ich möchte nicht, dass meine Freunde eingezogen werden", erklärte sie. "Die lernen dann ein halbes Jahr, wie man Menschen umbringt, und sind am Ende Kanonenfutter." Mit einem Megafon skandierte sie: "Noch mehr Rüstung, noch mehr Waffen, werden keinen Frieden schaffen."
Gemeinsam mit dem 19-jährigen Kiran Schürmann von der Ferdinand-Freiligrath-Schule in Kreuzberg vertritt Kuhlmann Costa klare Positionen:
- Wehrpflicht ist Freiheitsberaubung und elementarer Teil der Kriegsvorbereitung
- Aufrüstung nützt nur den Profitinteressen von Rüstungsfirmen wie Rheinmetall und Thyssenkrupp
- Für den Preis eines Panzers könnten über 100 Lehrer ein Jahr lang bezahlt werden
Auf die Frage, wie sie reagieren würden, wenn die russische Armee vor Berlin stünde, antworteten beide Schüler übereinstimmend: Sie würden das Land verlassen. Gleichzeitig sind sie froh über die Existenz der NATO, betonen aber, dass es sich dabei um Freiwillige handele.
Generationenübergreifende Unterstützung
Unter den Demonstranten fanden sich auch zahlreiche ältere Unterstützer. Axel Zutz (60) von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die den Schülerstreik unterstützt, sagte: "Von den Älteren sind viele desillusioniert. Es ist wichtig, dass die Jugend auf die Straße kommt." Viele seiner Generation hätten seit Jahren darauf gewartet, dass sich Jugendliche politisieren.
Auch Irmgard Wurdack (56) von der Organisation "Sozialismus von unten" zeigte sich beeindruckt: "Ich finde es schlimm, dass Jugendliche in den Krieg gezogen werden. Aber ich finde es toll, dass das hier passiert."
Eine ernsthafte Debatte ist überfällig
Obwohl nicht alle Argumente der Jugendlichen einem Faktencheck standhalten – so würden NATO-Staaten im Verteidigungsfall durchaus Wehrpflichtige heranziehen –, ist die Leidenschaft, mit der sie sich für ihre Sache einsetzen, ansteckend. Die Demonstration in Berlin vermittelte für einen Moment den Eindruck, hier könnte eine Keimzelle für eine neue, junge und breite Friedensbewegung entstehen.
Eine ernsthafte Debatte darüber, wie Konflikte auch gewaltfrei gelöst werden könnten, scheint überfällig. Deutschland hat sie seit Jahrzehnten nicht umfassend geführt. Die hoffnungsfrohe Energie, die an diesem Tag über dem Potsdamer Platz lag, könnte ein erster Schritt in diese Richtung sein.
Allerdings zeigen sich auch praktische Herausforderungen. Kuhlmann Costa bemerkte bereits am frühen Morgen: "Blöd, dass hier so viel Presse ist", da dies viele Mitschüler vom Mitgehen abhalten könnte. Auch der Umgang mit der Staatsmacht will gelernt sein: Die Polizei musste eingreifen, als Schüler über einen Lautsprecher provokative Hip-Hop-Texte abspielten.
Die bundesweiten Proteste markieren einen deutlichen Widerstand gegen die geplante Wehrerfassung. Ob daraus tatsächlich eine nachhaltige Bewegung wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch, dass eine Generation zu Wort kommt, die nicht bereit ist, im Ernstfall ihr Leben aufs Spiel zu setzen, ohne vorher alle friedlichen Alternativen ausgeschöpft zu haben.



