Am 8. Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa zum 81. Mal. Die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht im Jahr 1945 beendete die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und den verheerendsten Krieg der Geschichte. In vielen Ländern wird der Tag als „Tag der Befreiung“ begangen. In Deutschland hingegen ist der 8. Mai kein gesetzlicher Feiertag. Die Historiker Hedwig Richter und Magnus Brechtken diskutieren, ob sich dies ändern sollte.
Ein Tag der Befreiung – auch für Deutschland?
Hedwig Richter, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr München, plädiert für einen Feiertag. „Der 8. Mai war der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Das sollte auch in Deutschland mit einem Feiertag gewürdigt werden“, sagt sie. Ein solcher Feiertag könnte dazu beitragen, die Erinnerung an die Schrecken des Krieges wachzuhalten und die Bedeutung von Demokratie und Frieden zu betonen.
Kontroverse um die Deutungshoheit
Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, sieht dies kritisch. „Ein Feiertag könnte die historische Komplexität des Datums überdecken“, warnt er. Für viele Deutsche sei der 8. Mai nicht nur ein Tag der Befreiung, sondern auch ein Tag der Niederlage und des Neuanfangs. Brechtken betont, dass die Erinnerungskultur in Deutschland bereits sehr ausgeprägt sei und eines zusätzlichen Feiertags nicht bedürfe.
Internationale Vergleiche
In Frankreich, den Niederlanden und Russland wird der 8. Mai als nationaler Feiertag begangen. Auch in Tschechien und der Slowakei ist der Tag arbeitsfrei. Diese Länder gedenken des Sieges über den Nationalsozialismus mit Paraden und Zeremonien. In Deutschland hingegen wird der Tag eher still begangen, oft mit Kranzniederlegungen und Gedenkveranstaltungen, aber ohne öffentliche Feierlichkeiten.
Die Frage nach der angemessenen Form
Die Debatte um einen Feiertag ist nicht neu. Bereits mehrfach gab es Vorstöße, den 8. Mai zum gesetzlichen Feiertag zu erklären, zuletzt im Jahr 2020. Befürworter argumentieren, dass ein Feiertag die historische Bedeutung des Datums unterstreichen und die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit fördern würde. Gegner hingegen befürchten eine Vereinnahmung durch politische Gruppen oder eine Verflachung der Erinnerungskultur.
Eine Frage der Perspektive
Richter sieht in einem Feiertag auch eine Chance, die Demokratie zu stärken. „Ein Feiertag könnte ein Tag der Besinnung sein, an dem wir uns unserer Verantwortung für die Bewahrung von Freiheit und Menschenrechten bewusst werden“, erklärt sie. Brechtken hingegen warnt vor einer Ritualisierung: „Die Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Verbrechen muss lebendig bleiben. Ein Feiertag könnte dazu führen, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte in routinierte Bahnen gerät.“
Die Meinungen der Historiker zeigen, dass die Frage nach einem Feiertag am 8. Mai weit über eine symbolische Geste hinausgeht. Sie berührt das Selbstverständnis der deutschen Erinnerungskultur und den Umgang mit der eigenen Geschichte. Ob der 8. Mai jemals ein gesetzlicher Feiertag in Deutschland wird, bleibt abzuwarten. Die Debatte jedoch ist ein wichtiger Beitrag zur historischen Reflexion.



