Epstein-Affäre erschüttert Norwegens Selbstbild: Elite in dubiosen Kontakten
Die jüngsten Enthüllungen im Fall des verstorbenen Sexualstraftäters Jeffrey Epstein haben Norwegen tief erschüttert. Das Land, das international als Vorbild für Transparenz und Demokratie gilt, muss sich mit unangenehmen Fragen auseinandersetzen: Warum suchten ausgerechnet norwegische Spitzenpolitiker, Diplomaten und sogar die Kronprinzessin die Nähe zu dem umstrittenen US-Finanzier?
Kronprinzessin, Ex-Premier und Super-Diplomaten im Fokus
Die neuen Veröffentlichungen zeigen ein beunruhigendes Bild: Kronprinzessin Mette-Marit soll über Jahre hinweg privaten Mailaustausch mit Epstein gepflegt haben, in dem es unter anderem um Ernährung, Musik und sogar Epsteins "Frauenjagd" ging. In einer der Nachrichten, die der Kronprinzessin zugeschrieben werden, heißt es: "Paris ist gut für Ehebruch, Skandinavierinnen sind die besseren Ehefrauen."
Noch schwerwiegender sind die Vorwürfe gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten Thorbjørn Jagland, der später das norwegische Nobelkomitee leitete und Generalsekretär des Europarats war. Gegen ihn wird wegen des Verdachts auf schwere Korruption ermittelt, nachdem bekannt wurde, dass er in Epsteins Apartments in Paris und New York übernachtet und in dessen Anwesen in Palm Beach Urlaub gemacht haben soll.
Diplomat nennt Epstein "besten Freund"
Besonders pikant sind die Enthüllungen über das Diplomaten-Ehepaar Mona Juul und Terje Rød-Larsen, die als "Super-Diplomaten" bekannt wurden, weil sie eine entscheidende Rolle bei den Friedensverhandlungen zwischen Israel und der Palästinensischen Befreiungsorganisation in den 1990er Jahren spielten. Rød-Larsen soll Epstein in einer Nachricht zum Jahreswechsel 2017 als "meinen besten Freund und einen superseltenen, durch und durch guten Menschen" bezeichnet haben.
Die Kinder des Paares sollen in Epsteins Testament mit zehn Millionen Dollar bedacht sein, was weitere Fragen nach der Natur dieser Beziehung aufwirft. Experten vermuten, dass Epstein sein norwegisches Netzwerk maßgeblich mit Hilfe von Rød-Larsen aufbaute.
Warum Norwegen für Epstein attraktiv war
Halvard Leira vom norwegischen außenpolitischen Institut erklärt die überproportionale Präsenz von Norwegern in Epsteins Umfeld mit zwei Faktoren: "Zum einen das viele norwegische Geld, das seit Jahrzehnten in internationale Organisationen fließt, was dazu führte, dass viele Norweger internationale Spitzenpositionen innehatten." Zum anderen der Friedensnobelpreis, der in Oslo vergeben wird und internationale Aufmerksamkeit generiert.
Der Nordeuropa-Experte Tobias Etzold ergänzt: "Norwegen wollte immer gern Macht und Einfluss haben - und die eigenen hohen Standards in die Welt hinaustragen. Dabei ist man anscheinend nicht davor zurückgeschreckt, sich korrumpieren und für dubiose Zwecke einspannen zu lassen."
Systemfrage stellt sich
Die norwegische Rundfunkanstalt NRK stellt die entscheidende Frage: Handelt es sich um "ein paar faule Äpfel" oder ist das ganze System verrottet? Der Kontrollausschuss des Parlaments hat eine unabhängige Untersuchung auf den Weg gebracht, die die Arbeit des Auswärtigen Dienstes in den letzten Jahren genau unter die Lupe nehmen soll.
Per-Willy Amundsen, Vorsitzender des Ausschusses, warnt: "Es zeichnet sich ein Bild von einem Umfeld ab, das nicht gesund ist - und in dem die Korruptionsgefahr groß ist."
Vertrauen als Schwachstelle?
Die Ironie der Situation: Ausgerechnet das hohe Vertrauen der Norweger in ihre politischen Institutionen könnte zur Schwachstelle geworden sein. Tobias Etzold erklärt: "Solange es gut läuft, gehen die Norweger davon aus, dass alles schon seine Richtigkeit haben wird. Dann schaut man vielleicht auch aus Bequemlichkeit nicht so genau hin und stellt die Dinge nicht allzu sehr infrage."
Journalist Aslak Nore bringt es in der Zeitung "Verdens Gang" auf den Punkt: "Etwas ist faul im Königreich Norwegen." Die betroffenen Norweger, darunter auch der Chef des Weltwirtschaftsforums Børge Brende, bezeichnen ihre Kontakte zu Epstein heute als katastrophale Fehleinschätzung, die sie zutiefst bedauern. Doch die Frage bleibt: Kann Kronprinzessin Mette-Marit nach diesen Enthüllungen noch Königin werden? Und wie tief reichen die Verstrickungen wirklich?



