„Wieder ein Jahr ohne normales Leben“: Ukrainerin Nika findet erneut Zuflucht in der Eifel
Die 19-jährige Nika Ivchenko wird am vierten Jahrestag des Krieges in der Ukraine innehalten. Eigentlich wollte die junge Ukrainerin nur zum Weihnachtsurlaub in die Eifel kommen, doch nun bleibt sie länger. „Das Leben in Kiew ist fast unmöglich geworden“, sagt Ivchenko mit ernstem Blick. Nach den russischen Angriffen im Winter habe sie in ihrer Wohnung in der ukrainischen Hauptstadt weder Wasser noch Heizung, und meistens fehle auch der Strom.
Studium im Dunkeln – Flucht in die Eifel
„Es ist dunkel, der Kühlschrank geht nicht, ich habe kein WLAN“, beschreibt Nika die prekäre Situation. Ohne Internetverbindung kann sie ihr Studium der Politik und Wirtschaft nicht fortsetzen, da ihre Universität in Kiew aufgrund der eisigen Temperaturen im Gebäude auf Online-Unterricht umgestellt hat. Im Eifeldorf Fleringen hingegen schaltet sie sich täglich zu ihren Kursen dazu und kann so ihre Ausbildung weiterführen.
Der anhaltende Krieg setzt der jungen Frau stark zu. Mit wachsender Sorge beobachtet sie die Entwicklung: „Mit jedem Jahr wird es schlechter“, erklärt sie zum vierten Jahrestag des Kriegsausbruchs. „Wieder ein weiteres Jahr ohne normales Leben.“ Früher habe sie gedacht, es könne gar nicht schlimmer werden, doch die Realität sieht anders aus. Ihre Mutter und viele Freundinnen und Freunde leben weiterhin in Kiew, wo die Gefahr allgegenwärtig ist.
Luftalarme und Panikattacken prägen den Alltag
Im vergangenen Jahr habe Nika selbst häufig Luftalarm erlebt, da sie in einem Viertel nahe dem Flughafen wohnt. „Das heißt, die Raketen kommen fast jeden Tag“, erzählt sie mit zitternder Stimme. An einem einzigen Tag sei ihre gesamte Straße zerstört worden – nur ihr Haus blieb verschont. „Leider war ich an diesem Tag aus Dummheit zu faul, in den Schutzraum zu gehen und hörte alle Einschläge“, erinnert sie sich. Die traumatischen Erlebnisse lösten bei jedem weiteren Luftalarm Panikattacken aus, die sie monatelang am Schlafen hinderten.
Nach ukrainischen Maßstäben bezeichnet sich Nika dennoch als „ziemlich glücklichen Menschen“, da sie niemanden aus ihrer Familie an der Front verloren hat. Doch sie kennt Schicksale, die noch härter getroffen wurden: „Ich habe eine Bekannte, die hat bei einem Raketenangriff ihre Eltern, ihr Zuhause und den Glauben an die Zukunft verloren.“ Daher appelliert sie an die Deutschen: „Schätzt jeden Moment eures Lebens, schätzt die Menschen, die euch nahestehen, schätzt, dass ihr nachts ruhig schlafen könnt.“
Eine zweite Familie in der Eifel
Ihrer deutschen Familie in Fleringen ist Nika sehr dankbar. Über einen familiären Kontakt kam sie wenige Tage nach Kriegsausbruch in die Eifel, damals gerade 15 Jahre alt. „Da war ich gerade 15 Jahre alt und ich wollte das eigentlich gar nicht. Aber ich wusste, dass ich muss“, erklärt sie. Ihre Mutter brachte sie in die Eifel, musste dann aber wegen der Arbeit zurück nach Kiew. Der Anfang sei schwer gewesen, da sie kein Deutsch sprach und niemanden kannte. Doch Familie Eichten wurde zu ihrer zweiten Familie, und sie schloss neben der Schule in Prüm online ihr ukrainisches Abitur ab.
Der Krieg schwäche nicht nur die Infrastruktur, sondern auch die Psyche der Nation, betont Nika. „In der Ukraine würden nicht nur Menschen getötet, sondern auch der Glaube der Menschen an die Zukunft“, sagt sie nachdenklich. Der Glaube, dass die Eltern in einer Woche noch leben, dass man ruhig schlafen kann ohne Todesangst, oder dass ein Dach über dem Kopf und warmes Essen sicher sind – all das sei ins Wanken geraten.
Zukunftspläne zwischen Politik und Friedenshoffnung
Die Ukrainerin träumt davon, später vielleicht Politikerin zu werden. „Ich mag Politik. Politik ist so viel im Leben“, erklärt sie enthusiastisch. In welchem Land sie am lieb Politik machen möchte, weiß sie noch nicht. Auch wenn sie nicht glaubt, dass es in der Ukraine bald Frieden geben wird, ist dies doch ihr größter Wunsch. Klar ist ihr aber auch: „Auch dann ist in der Ukraine nichts wie vorher.“
Am vierten Jahrestag des Kriegsausbruchs am 24. Februar wird Nika nichts Besonderes tun, sondern einfach innehalten. „Meine Freunde und ich, wir werden dann nur reden. Über das, was ist. Und wohl sagen: 'Oh, es ist schon das vierte Jahr'.“ Und sich die Frage stellen: „Was kommt noch?“ – eine Frage, die für Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer täglich präsent ist.



