FDP-Politiker Kuhle sieht organisatorische Lehren bei der Linken
Der niedersächsische FDP-Chef und Bundesvorstandsmitglied Konstantin Kuhle hat in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur überraschende Einblicke in seine Sicht auf die aktuelle Situation der Liberalen gegeben. Kuhle, der seit 2015 dem FDP-Bundesvorstand angehört, widerspricht dabei pauschaler Kritik an der früheren Ampelkoalition, beschreibt die Lage seiner Partei jedoch als "sehr ernst".
Organisatorisches Vorbild trotz inhaltlicher Differenzen
Interessanterweise sieht Kuhle ausgerechnet bei der Partei Die Linke ein Beispiel dafür, wie eine politische Kraft nach schwierigen Zeiten zurückfinden kann. "Inhaltlich und personell will ich mir von der Linken nichts abschauen", betonte der FDP-Politiker deutlich. Aber organisatorisch könne man wichtige Lehren ziehen: "Man darf nicht aufgeben und sich nicht auseinanderdividieren lassen."
Kuhle verwies dabei auf die Entwicklung der Linken nach dem Ausscheiden von Sahra Wagenknecht: "Die Partei war ohne Wagenknecht stabiler als zuvor. Und im entscheidenden Moment haben sie ihre Chance genutzt. Deshalb sitzen sie jetzt wieder im Bundestag." Diese Beobachtung scheint für den FDP-Chef eine wichtige Erkenntnis zu sein, die er auf die eigene Partei übertragen möchte.
Ernste Lage und notwendige Neuausrichtung
Mit Blick auf die FDP selbst schlug Kuhle nüchterne Töne an. "Die Lage der FDP ist sehr ernst", konstatierte er offen. Aktuelle Umfragen sehen die Liberalen bundesweit nur noch bei drei bis vier Prozent. Kuhle betonte die Notwendigkeit einer klaren Positionierung: "Wir müssen deutlicher machen, wofür die FDP steht. Wir müssen wieder Lust auf Reformen vermitteln."
Deutschland brauche eine liberale Partei, so Kuhle weiter. Gerade in Zeiten zunehmender Polarisierung sei eine Stimme wichtig, die für Freiheit, Eigenverantwortung und Reformen stehe. "Die FDP ist kein Auslaufmodell", insistierte der Landeschef, auch wenn die aktuellen Zahlen anderes suggerieren mögen.
Verteidigung der Ampel und Christian Lindners
Zugleich wandte sich Kuhle gegen pauschale Kritik an der früheren Bundesregierung aus SPD, FDP und Grünen. "Ich finde nicht, dass die Ampel die schlechteste Regierung aller Zeiten war", sagte er. Die Koalition war im November 2024 nach eskaliertem Streit zerbrochen.
Politiker sollten mit einem realistischen Maßstab gemessen werden, betonte Kuhle. "Das sind auch nur Menschen." Der Wettbewerb, alles immer schlechter zu reden, helfe nicht weiter und trage nicht zu einer sachlichen politischen Kultur bei.
Besonders bemerkenswert ist Kuhles Verteidigung des früheren FDP-Chefs und Bundesfinanzministers Christian Lindner: "Ich hoffe, dass man in einigen Jahren über Christian Lindner sagen wird: Er hat der FDP als Bundesvorsitzender eine sehr erfolgreiche Phase beschert, und als es ihm als Spitzenkandidat nicht gelungen ist, die Partei wieder in den Bundestag zu führen, hat er Verantwortung übernommen und sich zurückgezogen."
Dies gehöre zur politischen Kultur, so Kuhle. Parteien dürften sich nicht von einzelnen Persönlichkeiten abhängig machen. "Die FDP wird es auch nach Christian Lindner weiter geben, so wie es sie auch nach Guido Westerwelle weiter gegeben hat."
Zusammenhalt als zentrale Botschaft
Die Kernbotschaft Kuhles lässt sich als Appell zum Zusammenhalt zusammenfassen. Statt Selbstzerlegung brauche es Einigkeit und Durchhaltevermögen – eine Lehre, die er paradoxerweise bei der politischen Konkurrenz von der Linken abgeleitet hat. Ob diese Strategie für die FDP funktionieren wird, bleibt abzuwarten, doch Kuhle macht deutlich, dass die Liberalen nicht vorhaben, das Feld zu räumen.



