Israel: Ultraorthodoxe Juden und die Wehrpflicht - Ein schwieriger Balanceakt
Ultraorthodoxe Juden und Israels Wehrpflicht-Dilemma

Der schwierige Weg ultraorthodoxer Juden in Israels Armee

In Israel spitzt sich ein grundlegender gesellschaftlicher Konflikt zu: Die Integration ultraorthodoxer Juden, der Haredim, in die israelischen Streitkräfte. Während das Land nach dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 dringend Soldaten benötigt, verweigern sich viele junge Ultraorthodoxe weiterhin der Wehrpflicht. Die historische Ausnahmeregelung, die sie vom Militärdienst befreite, wurde zwar gestrichen, doch in der Praxis ignorieren zahlreiche Haredim ihre Einberufungsbescheide.

Gewaltsame Ausschreitungen in Bnei Brak

Die Tiefe der Spannungen wurde kürzlich in Bnei Brak deutlich, einem Vorort Tel Avivs mit großer ultraorthodoxer Bevölkerung. Hier wurden zwei israelische Soldatinnen von einem Mob ultraorthodoxer Juden gejagt und konnten sich nur durch Flucht in ein Polizeiauto retten. Auslöser der gewaltsamen Ausschreitungen war das Gerücht, die Frauen hätten Flyer zur Armeerekrutierung verteilt.

Thore Schröder vom SPIEGEL erklärt die Situation: „Bnei Brak gehört den Haredim, den streng religiösen Juden. Außenstehende sind hier nicht gern gesehen, auch keine Journalisten. Alles soll möglichst wenig vom religiösen Leben und vom Studium der heiligen Schriften ablenken.“ Genau diese Ablenkung und Einmischung sehen viele Ultraorthodoxe im Armeedienst.

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Eine Brückenorganisation versucht zu vermitteln

Vor diesem schwierigen Hintergrund versucht die NGO Anashim unter der Leitung des ultraorthodoxen Geschäftsmannes Efi Shkedi zu vermitteln. Die Organisation mit Sitz am Rande von Bnei Brak zeigt streng religiösen Juden Wege auf, wie sie im Militär dienen können, ohne ihre religiöse Identität aufzugeben.

Efi Shkedi erläutert seinen Ansatz: „Die Haredim vertrauen der Armee nicht. Wir arbeiten daran, dass Vertrauen zwischen der Haredi-Gemeinschaft und der Armee entsteht.“ Nach seinem eigenen Eintritt in die Armee kurz nach dem 7. Oktober 2023 entwickelte Shkedi ein Programm, das speziell auf die Bedürfnisse ultraorthodoxer Soldaten zugeschnitten ist.

Religiöse Unterstützung und berufliche Perspektiven

Ein zentrales Element von Anashims Arbeit sind vier Rabbis, die ihre religiöse Identität bewahren, Tora-Klassen anbieten und mentale Unterstützung leisten. Viele angehende Soldaten aus ultraorthodoxen Familien erhalten nämlich keine Unterstützung von ihren Angehörigen.

Shkedis wichtigstes Argument für den Armeedienst ist jedoch beruflicher Natur: „Erfolg in zwei Bereichen: Die Haredim treten der Armee bei und werden im Anschluss erfolgreich auf dem Jobmarkt.“ Die Organisation wirbt gezielt bei jenen Ultraorthodoxen, die kein Vollzeitstudium der Tora anstreben, schaltet Werbung und ruft junge Israelis direkt an.

Die Strategie scheint zu funktionieren. Shkedi berichtet: „In den letzten Monaten haben wir durch unser Angebot über 2500 Menschen dazu gebracht, der Armee beitreten zu wollen.“ Die israelische Armee schätzt die Zahl der wehrpflichtigen Haredim auf etwa 70.000.

Ein lebendes Beispiel: Vom Zweifler zum Geschäftsmann

David Lifschitz verkörpert den von Anashim propagierten Weg. Als Jugendlicher wusste er nicht, wohin mit sich, bis ihm sein Rabbi den Eintritt in die Armee empfahl. Heute ist Lifschitz erfolgreicher Geschäftsmann und engagiert sich bei Anashim.

Lifschitz beschreibt seine Erfahrungen: „Du lernst viel über dich selbst. Als Erstes über Führung, zweitens über Verantwortung und darüber, dass du alles schaffen kannst. Erst denkst du, du schaffst das nicht, und dann siehst du Woche für Woche, wenn du trainierst oder auf einer Mission, dass du immer besser wirst.“

Demografischer Druck und sicherheitspolitische Notwendigkeit

Für Israels Sicherheitsapparat gewinnt die Integration der Haredim zunehmend an Bedeutung. Bereits heute stellen ultraorthodoxe Männer im wehrpflichtigen Alter von 18 bis 29 Jahren etwa 25 Prozent dieser Altersgruppe – mit steigender Tendenz.

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Lifschitz setzt auf einen Domino-Effekt: „Wir müssen ihnen die richtigen Möglichkeiten in der Armee geben, dann wird auch der Rückhalt in der Haredim-Community steigen.“ Die Armee bietet bereits auf religiöses Leben zugeschnittene Einheiten wie das Netzach-Jehuda-Bataillon an, das aktuell in Gaza im Einsatz ist.

Gefahren und ethische Bedenken

Doch die Aufstellung streng religiöser Militäreinheiten birgt auch Risiken. Thore Schröder warnt: „Bei der Aufstellung streng religiöser Militäreinheiten besteht die Gefahr, dass sich darin eine nationalistisch-religiöse Weltanschauung Bahn bricht.“

Das Yehuda-Bataillon, in dem David Lifschitz diente, ist seit Jahren für schwere Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen gegen Palästinenser berüchtigt. Diese ethischen Fragen bleiben ein wichtiger Punkt bei der Integration streng Religiöser in das Militär.

Fundamentale Widerstände innerhalb der Gemeinschaft

Innerhalb der ultraorthodoxen Gemeinschaft gibt es weiterhin fundamentale Widerstände. Shmuel Orbach, ein ultraorthodoxer Jude, bringt die Haltung vieler Haredim auf den Punkt: „Du kannst uns nicht verändern. Du kannst Menschen nicht zwingen, anders zu handeln. Das ist nicht gut.“

Die Spannungen zwischen religiösen Pflichten und staatlicher Wehrpflicht werden Israel noch lange beschäftigen. Während Organisationen wie Anashim Brücken bauen, bleibt die grundsätzliche Frage ungelöst, wie eine moderne Armee mit tief religiösen Gemeinschaften umgehen soll, deren Weltbild sich fundamental von staatlichen Institutionen unterscheidet.