Historische Wahl in Baden-Württemberg: Ära Kretschmann endet, Zukunft ungewiss
Politiker neigen dazu, jede anstehende Wahl als die wichtigste aller Zeiten zu bezeichnen. Doch die Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März 2026 ist tatsächlich etwas Besonderes. Wenn die Bürger ihre Stimmen abgeben, endet eine politische Ära im Südwesten Deutschlands, und es beginnt eine Phase der Ungewissheit. Diese Abstimmung ist aus mehreren Gründen einzigartig und könnte weitreichende Folgen haben.
Kampf um das Erbe von Ministerpräsident Kretschmann
Winfried Kretschmann tritt nicht mehr zur Wahl an, was allein schon historisch ist. Nach 15 Jahren als Ministerpräsident steht sein Name nicht mehr auf dem Stimmzettel. Der 77-jährige Grünen-Politiker verabschiedet sich in den Ruhestand. Seit 2016 regiert er relativ geräuschlos mit der CDU. Nun kämpfen Cem Özdemir von den Grünen und Manuel Hagel von der CDU um seine Nachfolge. Beide Kandidaten wollen die großen Fußstapfen des Landesvaters ausfüllen.
Hagel hatte bereits vor langer Zeit betont, dass Kretschmanns Erbe bei der CDU in guten Händen sei. Özdemir wirbt auf Wahlplakaten mit dem Bild des Regierungschefs und dem Slogan: „Sie kennen ihn“. Es gehe nicht darum, Kretschmann zu kopieren, sondern zu verstehen, so der grüne Spitzenkandidat. Dieser Kampf um die politische Führung prägt den Wahlkampf maßgeblich.
Eskalation im Wahlkampf zwischen Grünen und CDU
Grüne und CDU hatten sich im Wahlkampf über viele Monate weitgehend zurückgehalten, nicht nur weil sie Regierungspartner sind, sondern auch, weil Umfragen ein schwarz-grünes Bündnis vorhersagen. Doch in den letzten Tagen ist der Wahlkampf eskaliert. Videos über Schulbesuche bringen Hagel in Bedrängnis, und die CDU wirft den Grünen einen „Schmutzwahlkampf“ vor. In den Umfragen sind Grüne und CDU plötzlich gleichauf.
Ausgangspunkt war ein etwa acht Jahre altes Interview des CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel, das eine grüne Bundestagsabgeordnete in sozialen Medien veröffentlicht hatte. Hagel, damals 29 Jahre alt und Landtagsabgeordneter, berichtete darin von einem Schulbesuch und einer Schülerin. Der Clip sorgte für heftige Kritik und hat die politische Landschaft aufgewühlt.
Viel auf dem Spiel für die Grünen und die CDU
Für die Grünen geht es um viel, da sie bislang in Baden-Württemberg den bundesweit ersten und einzigen grünen Regierungschef stellen. Lange schien es, als bliebe Kretschmann auch der vorerst letzte grüne Ministerpräsident, da Spitzenkandidat Özdemir in Umfragen monatelang deutlich zurücklag. Wenige Tage vor der Wahl haben die Grünen die bislang führende CDU jedoch nahezu eingeholt. Im ZDF-„Politbarometer“ liegen beide Parteien gleichauf bei 28 Prozent.
Die Christdemokraten in Baden-Württemberg zittern und hoffen auf ihre Chance: Jahrzehntelang regierten sie den Südwesten, bis sie 2011 von den Grünen entthront wurden. Nun setzt die Partei auf die Wiederherstellung der „natürlichen Ordnung“ im Land. Hagel soll dieses Comeback möglich machen, doch die Umfragen zeigen ein knappes Rennen.
Durchmischung des Landtags und Bedeutung der Fünf-Prozent-Hürde
Die Zusammensetzung des Landtags könnte sich erheblich ändern. Der Fünf-Prozent-Hürde kommt diesmal eine besondere Bedeutung zu: Die FDP könnte erstmals in ihrer Geschichte in ihrem Stammland aus dem Landtag fliegen, dem sie seit mehr als 70 Jahren angehört. Der baden-württembergische FDP-Chef Hans-Ulrich Rülke spricht deshalb von der „Mutter aller Wahlen“. Letzten Umfragen zufolge könnten die Liberalen den Einzug aber knapp schaffen.
Die Linke wiederum, bislang in der außerparlamentarischen Versenkung, könnte erstmals überhaupt den Sprung ins Parlament in Baden-Württemberg schaffen. Getragen wird der Linken-Boom von gesellschaftlicher Unzufriedenheit, wachsender sozialer Ungleichheit und der Wohnungsnot in vielen Städten. Inhaltlich wäre der Einfluss der Linken aber begrenzt, da die Partei keine Koalitionen anstrebt und eine laute Opposition sein will. Auch mit der AfD will keine Partei koalieren – die Rechtspopulisten dürften Umfragen zufolge die stärkste Oppositionspartei werden.
Autoindustrie als zentrales Wahlkampfthema
Die Wirtschaftskrise verleiht der Wahl zusätzliche Brisanz. Baden-Württemberg ist ein industrielles Herz Deutschlands und besonders abhängig von der Autoindustrie. Der tiefgreifende Strukturwandel schlägt hier unbarmherziger zu als in anderen Regionen. Tausende Arbeitsplätze stehen zur Disposition, und ganze Gebiete blicken mit Sorge auf die Zukunft.
Entsprechend steht die Wirtschaftspolitik im Mittelpunkt des Wahlkampfs: Es geht um Standortfragen, Jobrettung und Bürokratieabbau. „Wir können Auto“, sagt Özdemir und kann sich trotz grünen Parteibuchs auch mit einer Verschiebung des Verbrennerverbots anfreunden. Hagel betont dagegen, dass es um „Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft“ gehe, und tourt unermüdlich durch mittelständische Betriebe.
Auftakt zum Superwahljahr 2026 mit bundespolitischer Strahlkraft
Nicht zuletzt kommt eine bundespolitische Strahlkraft hinzu. Die Landtagswahl in Baden-Württemberg ist die erste von fünf Landtagswahlen in einem dichten Superwahljahr 2026. Damit kann sie Signalwirkung entfalten, die weit über die Landesgrenzen hinausreicht. Die Strategen in den Parteizentralen in Berlin werden genau beobachten, was im Südwesten passiert.
Niederlagen für die CDU könnten Kanzler Friedrich Merz und seine Koalition schwächen. CDU und SPD müssen um Ministerpräsidentenposten bangen. Die FDP könnte an Bedeutung verlieren, während die Linke und die AfD erstarken könnten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass am Ende des Jahres erstmals die AfD einen Landesregierungschef stellt. Diese Wahl markiert somit einen kritischen Moment für die politische Landschaft in Deutschland.



