Baden-Württemberg wählt: Historische Landtagswahl ohne Kretschmann und mit Kopf-an-Kopf-Rennen
Die Landtagswahl in Baden-Württemberg stellt einen bedeutenden Wendepunkt in der politischen Landschaft des Südwestens dar. Als erster Urnengang seit Jahren ohne den langjährigen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und möglicherweise als eine der engsten Wahlen in der Geschichte des Landes, entwickelt sich dieser Tag zu einem politischen Großereignis mit weitreichenden Konsequenzen.
Ende einer politischen Ära und Beginn eines neuen Kapitels
Nach 15 Jahren an der Spitze Baden-Württembergs tritt Winfried Kretschmann nicht mehr zur Wahl an. Der 77-jährige Grünen-Politiker zieht sich aus der aktiven Politik zurück und hinterlässt damit ein politisches Vakuum, das nun neu gefüllt werden muss. Seine Amtszeit war geprägt von Koalitionen mit unterschiedlichen Partnern – zunächst fünf Jahre mit der SPD, anschließend mit der CDU seit 2016.
Um seine Nachfolge bewerben sich zwei Kontrahenten, die in große Fußstapfen treten müssen: Cem Özdemir für die Grünen und Manuel Hagel für die CDU. Beide Kandidaten haben im Wahlkampf unterschiedliche Strategien verfolgt, um das Erbe Kretschmanns für sich zu beanspruchen. Während Hagel betonte, dass dieses Erbe bei der CDU in guten Händen sei, setzte Özdemir auf die Popularität des scheidenden Ministerpräsidenten und ließ sich großflächig mit ihm plakatieren.
Steigende Wahlbeteiligung und neue Wählergruppen
Erste Anzeichen deuten auf eine erhöhte Wahlbeteiligung hin. Landeswahlleiterin Cornelia Nesch meldete um 14:00 Uhr eine Beteiligung in den Wahllokalen von gut 41 Prozent – etwa zehn Prozentpunkte höher als zum gleichen Zeitpunkt bei der Wahl 2021. Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, dass vor fünf Jahren coronabedingt mehr Menschen per Briefwahl abstimmten.
Besonders in der Landeshauptstadt Stuttgart zeichnet sich ein deutlicher Anstieg ab. Die Stadtverwaltung rechnet mit einer Wahlbeteiligung von rund 73 Prozent, verglichen mit 64,8 Prozent im Jahr 2021. Im gesamten Land lag die Beteiligung damals bei 63,8 Prozent.
Ein bedeutender Faktor bei dieser Wahl ist das erstmals geltende Wahlrecht für 16- und 17-Jährige. Zigtausende junge Wählerinnen und Wähler kommen damit neu hinzu und könnten das Wahlergebnis maßgeblich beeinflussen. Insgesamt sind rund 7,7 Millionen Menschen wahlberechtigt – so viele wie nie zuvor in der Geschichte Baden-Württembergs.
Spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und Grünen
Die Christdemokraten wittern nach vielen Jahren in der Opposition und als Juniorpartner endlich ihre Chance, wieder in die Villa Reitzenstein einzuziehen und den Regierungschef zu stellen. Die Partei hofft auf die Wiederherstellung dessen, was sie als „natürliche Ordnung“ im Land betrachtet – eine Rückkehr zu den Verhältnissen vor der Ära Kretschmann, als die CDU über Jahrzehnte die dominierende politische Kraft war.
Für die Grünen geht es ebenfalls um viel. Bislang stellen sie in Baden-Württemberg den bundesweit ersten und einzigen grünen Ministerpräsidenten. Lange Zeit schien es, als bliebe Kretschmann auch der einzige Vertreter seiner Partei in diesem Amt. In den Umfragen lagen die Grünen mit Spitzenkandidat Özdemir über Monate deutlich hinter der CDU – scheinbar uneinholbar.
Doch wenige Tage vor der Wahl holten die Grünen in mehreren Umfragen deutlich auf. Je nach Erhebung rückten sie bis auf ein, zwei oder drei Prozentpunkte an die CDU heran. In einer letzten Umfrage lagen beide Parteien sogar gleichauf bei 28 Prozent. Politikwissenschaftler erklärten diesen Trend unter anderem mit der persönlichen Popularität Özdemirs.
Verschärfter Ton und politische Eskalation
Parallel zu dieser Aufholjagd wurde der Ton im Wahlkampf spürbar schärfer. Über Monate waren Grüne und CDU vergleichsweise zurückhaltend miteinander umgegangen, doch vor knapp zwei Wochen eskalierte die Situation. Eine grüne Bundestagsabgeordnete veröffentlichte ein Video von Manuel Hagel aus dem Jahr 2018, in dem sich der damals 29-Jährige schwärmerisch über das Aussehen einer Schülerin äußerte. Der Clip verbreitete sich rasch und löste heftige Kritik aus.
Die CDU wirft den Grünen nun eine Schmutzkampagne aus der untersten Schublade vor. Diese Entwicklung ist besonders brisant, da unabhängig vom Wahlausgang Özdemir und Hagel vermutlich wieder an einen Tisch sitzen müssen. Denn eine Koalition aus Grünen und CDU – in welcher Reihenfolge auch immer – gilt derzeit als wahrscheinlichste Regierungsoption für Baden-Württemberg.
Kampf um die kleineren Parteien und wirtschaftliche Herausforderungen
Auch bei den kleineren Parteien bleibt es spannend. Die Fünf-Prozent-Hürde bekommt besondere Bedeutung: Die FDP könnte erstmals in ihrer Geschichte aus dem baden-württembergischen Landtag fliegen – ausgerechnet in ihrem Stammland, in dem sie seit mehr als 70 Jahren vertreten ist. In den Umfragen lag sie zuletzt bei etwa sechs Prozent und muss um den Wiedereinzug zittern.
Die Linke wiederum könnte erstmals überhaupt den Sprung in den baden-württembergischen Landtag schaffen, muss aktuellen Umfragen zufolge aber ebenfalls um die Fünf-Prozent-Hürde bangen. Die AfD dürfte stärkste Oppositionskraft werden – eine Zusammenarbeit mit ihr schließen alle anderen Parteien aus. Und auch die SPD steht unter Druck: In den Umfragen blieb sie zuletzt konstant einstellig, das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte im Südwesten droht.
Die wirtschaftliche Lage verleiht der Wahl zusätzliche Brisanz. Baden-Württemberg gilt als industrielles Herz Deutschlands und ist stark von der Autoindustrie abhängig. Der tiefgreifende Strukturwandel trifft das Land daher besonders hart. Tausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel, ganze Regionen blicken mit Sorge in die Zukunft. Entsprechend rückte die Wirtschaftspolitik ins Zentrum des Wahlkampfs: Es ging um Standortfragen, um den Erhalt von Arbeitsplätzen und um Bürokratieabbau.
Bundespolitische Bedeutung und Signalwirkung
Nicht zuletzt hat die Landtagswahl in Baden-Württemberg eine bedeutende bundespolitische Strahlkraft. Sie bildet den Auftakt für das Superwahljahr 2026, in dem insgesamt fünf Landtagswahlen anstehen. Damit kann sie Signalwirkung entfalten, die weit über die Landesgrenzen hinausreicht. Die Strategen in den Parteizentralen in Berlin schauen genau hin, was im Südwesten passiert.
Sollte es für CDU-Kandidat Manuel Hagel am Ende nicht reichen, könnte dies auch Bundeskanzler Friedrich Merz schwächen. Der CDU-Chef kam extra zum Wahlkampfabschluss nach Ravensburg und betonte dort die überregionale Bedeutung der Wahl: „Die Landtagswahl erfährt nicht nur in Baden-Württemberg oder Deutschland große Aufmerksamkeit, sondern in der ganzen EU.“
Die FDP könnte bundespolitisch weiter an Bedeutung verlieren, sollte sie aus dem Landtag fliegen. Linke und AfD hingegen könnten gestärkt aus der Wahl hervorgehen. Damit steht nicht nur die politische Zukunft Baden-Württembergs auf dem Spiel, sondern auch das Kräfteverhältnis im gesamten Bundesgebiet könnte sich neu justieren.



