Hohe Wahlbeteiligung bei Landtagswahl in Baden-Württemberg
Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg zeichnet sich bis zum frühen Nachmittag eine deutlich höhere Wahlbeteiligung ab als bei der letzten Wahl im Jahr 2021. Nach Angaben von Landeswahlleiterin Cornelia Nesch haben bis 14 Uhr bereits 41,34 Prozent der Wahlberechtigten, die nicht per Briefwahl abstimmen, in den Wahllokalen ihre Stimme abgegeben. Zum gleichen Zeitpunkt lag dieser Wert bei der vorherigen Landtagswahl bei nur 30,57 Prozent.
Spitzenkandidaten haben bereits gewählt
Unter den Wählern befanden sich auch die Spitzenkandidaten der großen Parteien. CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel, Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir und AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier gaben ebenso wie der noch amtierende Ministerpräsident Winfried Kretschmann ihre Stimmen in Wahllokalen ab. Die Bilder zeigen Wähler in Tracht bei sonnigem Wahlwetter, das die Stimmabgabe begünstigte.
Erstmals zwei Stimmen möglich
Eine Besonderheit dieser Wahl: Die Wahlberechtigten in Baden-Württemberg haben erstmals zwei Stimmen. Dies ist das Ergebnis einer Wahlrechtsreform von 2022. Mit der Erststimme kann für einen Direktkandidaten im Wahlkreis votiert werden, mit der Zweitstimme für die Landesliste einer Partei. Die 120 Mandate werden nach dem Zweitstimmenergebnis verteilt, wobei die 70 gewählten Direktkandidaten auf jeden Fall ein Mandat erhalten.
Wirtschaftliche Bilanz unter Kretschmann
Die wirtschaftliche Bilanz des ersten grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann kann sich auf den ersten Blick sehen lassen. Das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg seit 2011 um 18,9 Prozent – deutlich mehr als der bundesweite Anstieg von 13,1 Prozent im gleichen Zeitraum. Wenn Baden-Württemberg ein eigenständiges Land wäre, stünde es im Ländervergleich der Wirtschaftsleistung auf Platz sieben, noch vor Belgien.
Auf der anderen Seite bahnt sich eine schwerere Strukturkrise an. Das verarbeitende Gewerbe, das in dem Bundesland prozentual mehr zur Wirtschaftsleistung beiträgt als anderswo, muss den Strukturwandel hin zur E-Mobilität meistern und wird durch internationale Handelskonflikte zusätzlich eingeschränkt. Mehrere Firmen haben angekündigt, in den kommenden Jahren Stellen zu streichen. Die Arbeitslosenquote erreichte im Januar einen so hohen Wert wie schon seit 2007 nicht mehr.
Energiewende-Bilanz gemischt
Beim Thema Energiewende, einer grünen Kernkompetenz, zeigt die Bilanz gemischte Ergebnisse. Die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien hat sich in Kretschmanns Amtszeit fast verdoppelt – von 11,4 Terawattstunden im Jahr 2011 auf 21,1 Terawattstunden im Jahr 2024. Mit einem Anteil von knapp 59 Prozent liegt das Land in etwa auf Bundesniveau.
Beim Ausbau der Windkraft hängt Baden-Württemberg jedoch deutlich hinterher, ähnlich wie der Nachbar Bayern. Im ersten Koalitionsvertrag von 2011 war ein Windanteil von zehn Prozent für 2020 angepeilt worden, tatsächlich wurden es nur 6,6 Prozent. Selbst nach dem Atomausstieg kommt die Windkraft aktuell nur auf 8,8 Prozent Anteil an der Bruttostromerzeugung.
Demografische Entwicklung
Fast 38 Prozent der Bevölkerung in Baden-Württemberg haben einen Migrationshintergrund, knapp die Hälfte von ihnen besitzt eine ausländische Staatsangehörigkeit. Damit leben gut zwei Millionen Ausländerinnen und Ausländer im Land, was einem Anteil von 18 Prozent an der Gesamtbevölkerung entspricht. Menschen mit türkischer Staatsbürgerschaft sind dabei weiterhin die größte Gruppe.
Die Zahl der neu nach Baden-Württemberg kommenden Asylbewerber geht seit zwei Jahren zurück. 2025 waren es 13.500 neue Asylbewerber – fast fünfzig Prozent weniger als 2024 mit 26.200 Erstanträgen. Für den Rückgang dürften verschiedene Faktoren eine Rolle spielen, darunter veränderte politische Rahmenbedingungen und internationale Entwicklungen.
Spannendes Rennen um Ministerpräsidentenamt
Das Rennen um das Ministerpräsidentenamt bleibt bis zuletzt spannend. Während die CDU fast 60 Jahre lang von 1953 bis 2011 den Regierungschef stellte, beendete Kretschmann mit den Grünen diese Dominanz. Nun könnte mit Manuel Hagel wieder ein Christdemokrat an die Spitze des Landes gelangen – oder mit Cem Özdemir ein Grüner die Nachfolge seines Parteikollegen antreten.
Hagel wäre mit 37 Jahren der jüngste Ministerpräsident Baden-Württembergs seit Gründung des Bundeslandes 1952. Zum jüngsten Landeschef der Geschichte der Bundesrepublik würde es jedoch nicht reichen – diesen Titel hält weiterhin Hans-Ulrich Klose (SPD), der 1974 mit 37 Jahren Erster Bürgermeister von Hamburg wurde.
AfD mit Chancen auf Rekordergebnis
Die AfD könnte bei dieser Wahl ihr bestes Ergebnis jemals bei einer Landtagswahl in Westdeutschland einfahren. Bisheriger Bestwert waren 18,4 Prozent in Hessen 2023. In Baden-Württemberg taxierten die letzten Umfragen die AfD bei rund 18 bis 20 Prozent – fast eine Verdopplung gegenüber dem Ergebnis von 2021.
Dennoch wächst in der Partei der Unmut über Spitzenkandidat Markus Frohnmaier, der in die sogenannte Verwandtenaffäre verstrickt ist und bei der Abschlusskundgebung im Wahlkampf fehlte. Sollte Frohnmaier kein ausreichendes Ergebnis einfahren, wird er sich in der Partei erklären müssen.
Historische Bedeutung der Wahl
Diese Landtagswahl ist die erste des Jahres und gilt auch für die Bundesregierung unter CDU-Kanzler Friedrich Merz als wichtiger Stimmungstest. Für die CDU geht es darum, nach 15 Jahren Kretschmann-Herrschaft wieder den Ministerpräsidenten zu stellen – ein Anspruch, der in Baden-Württemberg, wo die CDU fast sechs Jahrzehnte durchgehend an der Regierung war, besonders hoch ist.
Die Wahl entscheidet nicht nur über die politische Zukunft Baden-Württembergs, sondern sendet auch Signale für die bundespolitische Entwicklung. Mit Spannung wird erwartet, ob die hohe Wahlbeteiligung sich in einem klaren Votum der Wähler niederschlägt oder ob die engen Umfragewerte zwischen CDU und Grünen zu einem besonders knappen Ergebnis führen werden.



