Eine bewegende Familiengeschichte aus Schwerin
Gertraud Walkow aus Schwerin bewahrt ein besonderes Stück deutsch-deutscher Geschichte. Ihr Vater, Gerhard Reichel, floh im Februar 1962 mit einem Schlauchboot über die Elbe bei Rüterberg aus der DDR. Gerade einmal ein halbes Jahr war vergangen, seit in Berlin die Mauer errichtet worden war. Der 40-jährige Lichtspielleiter aus Weißenfels fühlte sich zunehmend eingeengt von den staatlichen Vorgaben und beschloss, seinen eigenen Weg in den Westen zu suchen.
Die Flucht und das plötzliche Verschwinden
An einem eiskalten Februartag schwang sich Gerhard Reichel auf sein Fahrrad und machte sich mit einem Schlauchboot im Gepäck auf den Weg von Weißenfels nach Dömitz. In der Dunkelheit des 3. Februar 1962 überquerte er die Elbe und erreichte die Bundesrepublik. Seine damals siebenjährige Tochter Gertraud, die gerade in die erste Klasse gekommen war, erinnert sich: „Damals wurde in der Familie und in der Schule nicht über das Thema gesprochen. Nicht ein Wort.“ Ihre Mutter, eine Lehrerin, die sich mit dem System arrangiert hatte, wusste nichts von den Fluchtplänen.
Im Westen fand der Republikflüchtling schnell eine neue Anstellung als Filmvorführer. Doch die Freude über die gewonnene Freiheit wurde bald von der Sehnsucht nach seiner Familie überschattet. Jede Woche schrieb er Briefe an seine Frau und Tochter, die in der DDR zurückgeblieben waren. Nach fast drei Jahren kehrte er schließlich in die DDR zurück, getrieben von der Hoffnung auf eine Verbesserung der politischen Lage und dem starken Wunsch, bei seiner Familie zu sein.
Die Rückkehr und ihre Folgen
Die Rückkehr gestaltete sich jedoch schwieriger als erwartet. Die Versprechen der DDR-Behörden wurden nicht eingehalten. Statt einer problemlosen Wiedereingliederung wurde Gerhard Reichel zunächst in ein Lager gebracht und später wegen Republikflucht angeklagt. Das Urteil lautete auf neun Monate Haft auf Bewährung. Er fand schließlich Arbeit in den Leuna-Werken, einem der größten Chemiekombinate der DDR, wo er 21 Jahre lang unter schweren Bedingungen als Anlagenfahrer im Schichtbetrieb arbeitete.
„Die Arbeit hat ihm die Gesundheit ruiniert“, erzählt Gertraud Walkow. Ihr Vater war täglich bis zu 15 Stunden unterwegs, inklusive des langen Arbeitsweges. Bei Havarien mussten die Arbeiter Rohre freiklopfen, die mit asbesthaltiger Glaswolle ummantelt waren. Später erkrankte Gerhard Reichel an Lungenkrebs. Er erlebte jedoch noch die Wende 1989 und engagierte sich danach politisch in der SPD.
Die Initiative: Erinnerungen auf Papier bringen
Angeregt durch ihre Kinder, begann Gertraud Walkow, die Familiengeschichte aufzuschreiben. Dabei stieß sie auf die Tagebücher ihres Großvaters Otto, der von 1948 bis 1958 detailliert den schwierigen Neuanfang der Familie in der DDR nach dem Krieg dokumentiert hatte. Die blassen Bleistiftaufzeichnungen tippte sie am Computer ab, um sie für die Nachwelt zu erhalten.
Die Freude an dieser Arbeit war so groß, dass sie andere damit anstecken wollte. Vom Seniorenbüro Schwerin aus startete sie einen öffentlichen Aufruf. Ältere Menschen, die ihre Lebensgeschichten festhalten wollten, meldeten sich. Aus den regelmäßigen Treffen entwickelte sich eine feste Gruppe, die sich ein Jahr lang wöchentlich traf. „Wir haben uns viel Vertrautes erzählt. Auch Trauriges, Belastendes, verschüttete Erinnerungen. Tränen sind geflossen“, berichtet Walkow.
Am Ende hielt jeder Teilnehmer ein etwa 30 bis 50 Seiten starkes, gedrucktes Heft mit eigenen Familiengeschichten und Bildern in den Händen – ein wertvolles Erbe für Enkel und Urenkel.
Persönliche Reflexionen und Pläne für die Zukunft
Gertraud Walkow, die nach der Schule Wirtschaftsinformatik studierte und in Schwerin in der Softwareentwicklung sowie später in der Stadtverwaltung arbeitete, blickt kritisch auf die DDR-Zeit zurück. Ihr Vater half ihr, eine realistische Sicht auf das System zu entwickeln. Sie ließ sich nicht von der Stasi anwerben und ging 1989 auf die Straße.
Die Gruppe plant, ihre Treffen fortzusetzen. Wer Interesse hat, seine Familiengeschichte aufzuschreiben, ist herzlich willkommen. Gertraud Walkow und die anderen Teilnehmer möchten weiterhin Erinnerungen bewahren und teilen – ein lebendiges Stück Zeitgeschichte, das nicht in Vergessenheit geraten soll.



