Gysi sieht in AfD-Erfolgen Folge verfehlter Einheitspolitik
Die aktuellen Umfragewerte, die die AfD bei der Landtagswahl 2026 in Mecklenburg-Vorpommern als stärkste Kraft sehen, bereiten Gregor Gysi erhebliche Sorgen. Der erfahrene Politiker betont, dass die rechte Bewegung in Europa zunehmend Fuß fasst, während die Linke mit dem Erbe des gescheiterten Staatssozialismus kämpft. Gysi fordert eine verstärkte Fokussierung auf die Jugend und eine grundlegende Aufklärung über demokratische Werte im Bildungssystem.
Historischer Fehler bei der deutschen Einheit
Laut Gysi liegt ein wesentlicher Grund für die AfD-Stärke im Osten in einem fundamentalen Fehler während der Wiedervereinigung. Die Bundesregierung habe sich kaum für das Alltagsleben in der DDR interessiert und diese lediglich auf SED, Staatssicherheit und Mauertote reduziert. Diese einseitige Betrachtung habe die Ostdeutschen brüskiert, da kaum positive Aspekte übernommen wurden – abgesehen von Symbolen wie dem Sandmännchen oder dem Ampelmännchen.
„Bei der Gleichstellung der Geschlechter waren wir weiter. Wir hatten hervorragende Kindereinrichtungen, wie heute die Wissenschaft einräumt“, erklärt Gysi. Hätte man einige dieser Errungenschaften integriert, wäre der Frust im Nachhinein geringer ausgefallen und die Einheit für beide Seiten ein größerer Gewinn gewesen.
Warum die AfD von der Unzufriedenheit profitiert
Gysi identifiziert mehrere Faktoren, die der AfD im Osten zugutekommen. Viele Ostdeutsche fühlten sich von der raschen Globalisierung überfordert – vom DDR-Bürger zum Deutschen, Europäer und schließlich Weltbürger. Zudem seien muslimische Flüchtlinge in vielen Regionen unbekannt und daher fremd. Ein entscheidender Punkt sei jedoch die Wahrnehmung der AfD als Protestpartei gegen „die da oben“, obwohl sie selbst Teil des Establishments sei.
Der Unmut über die AfD-Wahlentscheidungen befeuere diesen Effekt zusätzlich. Gysi betont, dass auch die Linke gegen die etablierten Strukturen stehe, dies aber von vielen Wählern nicht ausreichend wahrgenommen werde.
Was die Linke tun muss, um Wähler zurückzugewinnen
Um an alte Wahlerfolge anzuknüpfen, müsse die Linke die AfD inhaltlich widerlegen und konkret an den Lebensbedingungen der Menschen ansetzen. Gysi nennt zentrale Themen:
- Preisentwicklungen und Wohnungsmieten
- Bildungsfragen und Zugang zu Kunst, Kultur und Sport
- Ernstnahme der Probleme der Landbevölkerung
Besonders wichtig sei es, nicht nur in Städten, sondern auch in ländlichen Regionen Präsenz zu zeigen, wo die AfD besonders stark zulege. Die Linke müsse es schaffen, das klare Gegenüber zur AfD zu werden und über den Bundesrat bundespolitische Veränderungen voranzutreiben.
Abschließend warnt Gysi vor den Folgen einer gespaltenen Wahrnehmung: Wenn Westdeutsche nur dächten, der Osten sei teuer, nörgle herum und wähle komisch, sei das kein tragfähiges Fundament für eine vereinte Nation.



