Long Covid und ME/CFS: Tausende in Mecklenburg-Vorpommern fürs Leben gezeichnet
Bundesweit leiden nach aktuellen Schätzungen etwa 1,5 Millionen Menschen an den Langzeitfolgen von Corona, bekannt als Long Covid, oder an ME/CFS, einer postinfektiösen neuroimmunologischen Erkrankung. In Mecklenburg-Vorpommern sind zwischen 40.000 und 50.000 Personen betroffen, wobei die Hälfte von ihnen die strengen Kriterien für ME/CFS erfüllt. Diese alarmierenden Zahlen standen im Mittelpunkt des 4. Fachtags Long Covid, der kürzlich im Schweriner Landtag stattfand.
Extremes Leid im Verborgenen
Die Symptome sind vielfältig und oft lebensverändernd: dauerhafte Schwäche, chronische Schmerzen, extreme Licht- und Geräuschempfindlichkeit, neurologische Ausfälle, Inkontinenz und in schweren Fällen sogar die Notwendigkeit von Magensonden. Ricarda Piepenhagen aus Torgelow, selbst Betroffene, beschreibt es so: „Bei Betroffenen versagt der Körper in elementaren Funktionen.“ Nach ihrer eigenen Corona-Erkrankung blieb bei ihr eine Immunschwäche zurück, die unter Stress zu neurologischen Problemen führt.
Aus dieser persönlichen Erfahrung gründete Piepenhagen 2022 die bundesweite Initiative „NichtGenesen“, die mittlerweile über 30.000 Betroffene betreut. Sie weist darauf hin, dass zusätzlich zu den Corona-Folgeerkrankungen mehr als 6.000 Menschen in MV bereits vor der Pandemie an ME/CFS litten und eine unbekannte Zahl an Post-Vac-Symptomen nach Impfungen leidet.
Volkswirtschaftlicher Schaden und Versorgungsdefizite
Der volkswirtschaftliche Schaden durch Long Covid und ME/CFS wird für Deutschland auf rund 65 Milliarden Euro geschätzt. Besonders tragisch: Viele Betroffene sind jung und können ihre Ausbildung, ihr Studium oder ihren Beruf nicht abschließen, manche müssen bereits in den Zwanzigern eine Rente beantragen. Dennoch gibt es weiterhin erhebliche Defizite in der Versorgung, wie Piepenhagen auf dem Fachtag betonte.
Christine Klingohr, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, erklärte: „Auch sechs Jahre nach Pandemiebeginn ist Corona nicht vorbei. Long Covid stellt unsere Gesellschaft vor eine große Herausforderung. Viele Schwerbetroffene sind dauerhaft ans Haus oder Bett gebunden. Wir müssen diese Krankheitsbilder in den Fokus der Gesundheitspolitik rücken.“
Forschung und spezialisierte Zentren
Prof. Dr. Carmen Scheibenbogen, Leiterin des Post-Covid-Netzwerkes der Berliner Charité, gab vorsichtige Hoffnung: „In den letzten Jahren haben wir wichtige Fortschritte im Verständnis erzielt. Immunologische Mechanismen spielen eine zentrale Rolle, was gezielte Therapien ermöglicht.“ Die Bundesregierung unterstützt dies mit der „Nationalen Dekade gegen postinfektiöse Erkrankungen“, für die 500 Millionen Euro bereitgestellt werden.
In Mecklenburg-Vorpommern existieren zwei spezialisierte Zentren: das Comprehensive Long Covid Center in Greifswald und die Long Covid Spezialsprechstunde in Rostock. Seit Ende 2024 gab es dort bereits 600 bzw. 800 Konsultationen. Allerdings sind diese Anlaufstellen für Schwerstbetroffene außerhalb der Hansestädte oft schwer erreichbar.
Hausärzte und Telemedizin als Lösungsansätze
Dr. Stefan Zutz, Vorsitzender des Hausärzteverbandes MV, betonte die Rolle der Hausärzte: „Jeder unserer rund 1.000 Kollegen betreut durchschnittlich bis zu fünf Long Covid-Patienten.“ Sie orientieren sich an einer Leitlinie von 2024, die symptomorientierte Therapien und Überweisungen zu Spezialisten vorsieht.
Für Patienten, die ihr Zuhause nicht verlassen können, könnte Telemedizin eine Lösung sein, so Dr. Hilte Geerdes-Fenge von der Rostocker Universitätsmedizin. Auch der Einsatz von Community Health Nurses (hochqualifizierte Gemeindeschwestern) könnte die Betreuung verbessern.
Ricarda Piepenhagen hofft auf schnelle Fortschritte in Forschung und Versorgung, denn: „An ME/CFS sterben auch Menschen, oft sehr junge.“ In vielen Traueranzeigen, die ihre Initiative gesammelt hat, wird statt Blumen um Spenden für die Long Covid-Forschung gebeten – ein eindrückliches Zeichen der Dringlichkeit.



