Pflegearmut in MV: Fast jeder zweite Heimbewohner braucht Sozialhilfe
Pflegearmut in MV: Fast jeder zweite Heimbewohner braucht Sozialhilfe

Pflegearmut wird in Mecklenburg-Vorpommern zum drängenden Problem

Die steigenden Pflegekosten entwickeln sich zunehmend zu einer finanziellen Belastung, die viele Menschen in Mecklenburg-Vorpommern an ihre Grenzen bringt. Wer im Januar 2026 in ein Pflegeheim im Nordosten zog, musste laut einer Übersicht des Ersatzkassenverbandes vdek durchschnittlich 2.903 Euro monatlich aus eigener Tasche aufbringen. Das entspricht einem Anstieg von knapp zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Gegenüber dieser finanziellen Last steht eine durchschnittliche Altersrente nach 35 Versicherungsjahren, die in Mecklenburg-Vorpommern Ende 2024 lediglich 1.640 Euro betrug. Diese Diskrepanz macht deutlich, warum immer mehr Menschen auf staatliche Unterstützung angewiesen sind.

Hilfe zur Pflege: Eine wenig bekannte Sozialleistung

Mittlerweile ist fast jeder zweite Heimbewohner in Mecklenburg-Vorpommern gezwungen, „Hilfe zur Pflege“ in Anspruch zu nehmen. Diese besondere Form der Sozialhilfe steht finanziell bedürftigen Menschen zu, die ihre Pflegekosten nicht selbst tragen können. Für den Antrag müssen Betroffene ihre gesamten finanziellen Verhältnisse vor dem Sozialamt offenlegen.

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Weniger bekannt ist, dass dieser Anspruch auch bei häuslicher Pflege bestehen kann. Eine vom Paritätischen Gesamtverband in Auftrag gegebene Studie zur Pflegearmut in Deutschland zeigt jedoch erschreckende Zahlen: Nur jeder Fünfte, der zu Hause gepflegt wird und Anspruch auf diese Leistung hat, erhält sie tatsächlich.

Massive Unterversorgung bei häuslicher Pflege

Laut der Studie haben von den rund 4,9 Millionen Menschen, die in Deutschland zu Hause gepflegt werden, etwa 390.000 Anspruch auf „Hilfe zur Pflege“. Voraussetzung ist, dass ihr Einkommen und Vermögen zusammen mit den Leistungen der Pflegeversicherung nicht ausreichen, um ihre Bedarfe zu decken. Tatsächlich erhalten jedoch nur 76.000 Betroffene diese Hilfe – das entspricht lediglich knapp 20 Prozent der Anspruchsberechtigten.

Der Paritätische Gesamtverband führt diese Unterversorgung auf mehrere Faktoren zurück:

  • Unwissenheit über bestehende Ansprüche
  • Schamgefühle bei den Betroffenen
  • Ausbleibende Beratung durch Fachstellen
  • Unterschiedliche Verwaltungspraxen der zuständigen Sozialämter

„Derzeit entscheidet die Postleitzahl darüber, wie gut Pflegebedürftige zu Hause unterstützt werden“, konstatiert der Verband.

Mecklenburg-Vorpommern im Bundesländervergleich

Im Vergleich zu anderen Bundesländern schneidet Mecklenburg-Vorpommern überraschend gut ab. Während im Saarland nur jede zehnte zu Hause gepflegte Person die ihr zustehende „Hilfe zur Pflege“ in Anspruch nimmt, sind es in Sachsen-Anhalt jede fünfte und in Hamburg mehr als jede dritte.

Mecklenburg-Vorpommern steht mit Abstand am besten da: Hier beziehen gut 47 Prozent aller zu Hause Gepflegten, die aufgrund ihrer finanziellen Verhältnisse Anspruch auf „Hilfe zur Pflege“ haben, diese Leistung auch. Sachsen folgt auf Platz zwei mit 39,14 Prozent. Der Bundesdurchschnitt liegt bei knapp 20 Prozent, während das Saarland als Schlusslicht nur 9,49 Prozent erreicht.

Gründe für das vergleichsweise gute Abschneiden

Dieter Eichler, Geschäftsführer des Paritätischen in Mecklenburg-Vorpommern, erklärt die Gründe für das verhältnismäßig gute Abschneiden des Bundeslandes: „In Mecklenburg-Vorpommern leben neben Sachsen-Anhalt die meisten alten Menschen. Die Zahl der Pflegebedürftigen hat sich laut aktuellem Barmer-Pflegereport in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt – von rund 67.000 im Jahr 2011 auf etwa 140.000 heute.“

Damit ist mittlerweile jeder elfte Mensch in Mecklenburg-Vorpommern pflegebedürftig. Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) bestätigt, dass 85 Prozent der Pflegebedürftigen im Nordosten zu Hause gepflegt werden – entweder allein von Angehörigen oder mit Unterstützung eines ambulanten Pflegedienstes.

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Dringender Reformbedarf in der Pflege

Für Dieter Eichler zeigt die Studie des Paritätischen Gesamtverbandes, wie wichtig eine breitere Betrachtung des Themas Pflegearmut ist. Bislang wurde das Problem fast ausschließlich in Bezug auf den stationären Bereich und die Eigenanteile für Pflegeheimbewohner diskutiert.

„Diese Studie zeigt, dass die Pflege in der Häuslichkeit ohne ausreichende strukturelle Unterstützung zu finanziellen, sozialen und gesundheitlichen Überlastungen führen kann“, so Eichler. Sie verdeutliche einmal mehr den dringenden Reformbedarf in der Pflege, damit sich die Armut von Pflegebedürftigen nicht weiter verschärfe und die Versorgung bei Pflegebedürftigkeit nicht vom Wohnort abhänge.

Die steigenden Zahlen machen deutlich: Pflegearmut ist kein Randphänomen, sondern betrifft immer mehr Menschen in Mecklenburg-Vorpommern. Während das Bundesland im Vergleich zu anderen Regionen besser dasteht, zeigt die Studie gleichzeitig massive Versorgungslücken auf, die dringend geschlossen werden müssen.