Eine bewegende Familiengeschichte aus Schwerin
Gertraud Walkow aus Schwerin bewahrt ein besonderes Stück deutsch-deutscher Geschichte in ihrer Familie. Ihr Vater, Gerhard Reichel, unternahm im Februar 1962 einen dramatischen Fluchtversuch aus der DDR – nur ein halbes Jahr nach dem Mauerbau in Berlin. Mit einem Schlauchboot überquerte er bei Rüterberg die Elbe in Richtung Westdeutschland. Zu diesem Zeitpunkt war Gertraud Walkow gerade in die erste Klasse gekommen.
Die stille Abwesenheit des Vaters
„Damals wurde in der Familie und in der Schule nicht über das Thema gesprochen“, erinnert sich die heute 71-jährige Schwerinerin. „Nicht ein Wort.“ Ihre Mutter, eine Lehrerin, die sich mit dem System arrangiert hatte, wusste nichts von den Fluchtplänen ihres Mannes. Gerhard Reichel arbeitete als Lichtspielleiter im prunkvollen Gloria Filmpalast in Weißenfels, einem Bauhaus-Juwel, und fühlte sich zunehmend von staatlichen Vorgaben eingeengt.
Die unerwartete Rückkehr
Im Westen fand der Republikflüchtling zwar schnell eine neue Stelle als Filmvorführer, doch vermisste er schmerzlich seine Familie. Durch wöchentliche Briefe hielt er den Kontakt aufrecht. „Mein Vater hatte dann das Gefühl, dass in der DDR Tauwetter einsetzte“, erzählt Gertraud Walkow. Fast drei Jahre nach seiner Flucht kehrte Gerhard Reichel überraschend in die DDR zurück – in der Hoffnung auf ein normales Familienleben.
Vom Familienauftrag zur Gruppeninitiative
Die Bitte ihrer Kinder, die Familiengeschichte aufzuschreiben, nahm Gertraud Walkow ernst. Bei der Durchsicht von Nachlässen entdeckte sie die Bleistiftaufzeichnungen ihres Großvaters Otto, der von 1948 bis 1958 den mühsamen Wiederaufbau nach dem Krieg dokumentiert hatte. Die Faszination für diese Zeitzeugnisse ließ sie nicht mehr los.
Über das Seniorenbüro Schwerin startete sie einen Aufruf und fand Gleichgesinnte. „Wir haben uns viel Vertrautes erzählt“, berichtet sie. „Auch Trauriges, Belastendes, verschüttete Erinnerungen. Tränen sind geflossen.“ Ein Jahr lang traf sich die Gruppe wöchentlich. Am Ende hielt jeder Teilnehmer ein 30- bis 50-seitiges Heft mit persönlichen Familiengeschichten und Bildern in den Händen – ein wertvolles Erbe für kommende Generationen.
Das schwierige Leben nach der Rückkehr
Die Rückkehr in die DDR gestaltete sich für Gerhard Reichel weitaus schwieriger als erwartet. Zwar versprachen die Behörden eine straffreie Einreise und die Rückkehr an seinen alten Arbeitsplatz, doch diese Zusagen wurden nicht eingehalten. Wochen verbrachte er in einem Lager, bevor er wegen Republikflucht zu neun Monaten auf Bewährung verurteilt wurde.
Statt in den Filmpalast kehrte er in die Leuna-Werke zurück, einen der größten Chemiekomplexe der DDR. Als Anlagenfahrer im 12-Stunden-Schichtbetrieb war er täglich bis zu 15 Stunden unterwegs. „Die Arbeit hat ihm die Gesundheit ruiniert“, sagt seine Tochter. Bei Havarien mussten die Arbeiter Rohre freiklopfen, die mit asbesthaltiger Glaswolle ummantelt waren. Gerhard Reichel erkrankte später an Lungenkrebs, erlebte aber noch die Wende und engagierte sich danach politisch in der SPD.
Ein kritisches Erbe
Gertraud Walkow selbst entwickelte sich zu einer kritischen Denkerin in der DDR. „Ich war ein kritischer Geist, habe mich nicht von der Stasi anwerben lassen und bin 1989 auf die Straße gegangen“, erklärt sie. Nach einem Studium, das heute als Wirtschaftsinformatik bezeichnet würde, arbeitete sie in der Softwareentwicklung und später in der Schweriner Stadtverwaltung.
Die Gruppe um Gertraud Walkow plant weiterzutreffen und weitere Lebensabschnitte zu dokumentieren. „Falls noch jemand den Wunsch verspürt, seine Familiengeschichte aufzuschreiben, kann er oder sie gern zu unserer Gruppe dazustoßen“, lädt die Schwerinerin ein. Die Initiative zeigt, wie persönliche Erinnerungen nicht nur Familien, sondern ganze Gemeinschaften bereichern können.



