Verbannte Literatur in Schwerin: Landesbibliothek zeigt US-Bücherverbote
In der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin ist seit dieser Woche eine besondere Ausstellung zu sehen. Unter dem Titel "banned books" präsentiert die Einrichtung eine Auswahl von Büchern, die in den Vereinigten Staaten von Amerika aus Bibliotheken und Schulen verbannt wurden. Die Wanderausstellung, die in den kommenden Monaten durch verschiedene Kultureinrichtungen des Bundeslandes ziehen wird, setzt sich kritisch mit dem Phänomen der Bücherverbote auseinander.
Von Darwin bis Harry Potter: Bekannte Werke auf der Verbotsliste
Besucher können in der Schweriner Landesbibliothek zahlreiche bekannte Werke in die Hand nehmen und durchblättern, die in den USA zensiert wurden. Darunter befinden sich Charles Darwins evolutionstheoretisches Hauptwerk "On the Origin of Species", der siebte Harry-Potter-Band "Deathly Hallows" von J.K. Rowling, Margaret Atwoods dystopischer Roman "The Handmaid's Tale" und James Baldwins Debütroman "Go Tell It on the Mountain".
Ebenfalls auf der Liste der verbannten Bücher stehen Haruki Murakamis Roman "Kafka on the Shore", der fotografische Bildband "Robert Mapplethorpe. The Photographs" und sogar "The Diary of a Young Girl" von Anne Frank. Diese Werke teilen alle das Schicksal, aus amerikanischen Bildungseinrichtungen entfernt worden zu sein – darunter Comics zur Geschlechteridentität, politische Texte, literarische Klassiker und sogar Wörterbücher.
Die Zahlen sind alarmierend: Die American Library Association dokumentierte für das Jahr 2024 insgesamt 2.452 verbannte Titel. Seit 2021 zählte die Organisation PEN America fast 23.000 Bücherverbote in öffentlichen Schulen der Vereinigten Staaten.
Kulturministerin warnt vor antidemokratischen Tendenzen
Zur Eröffnung der Ausstellung sprach sich Kulturministerin Bettina Martin (SPD) deutlich gegen Bücherverbote aus. Sie erinnerte an den paradoxen Fall von J.D. Salingers Roman "Der Fänger im Roggen", der in den 1970er Jahren gleichzeitig zu den meistverbotenen und meistunterrichteten Büchern in den USA gehörte.
"Auch in Deutschland müssen wir alle gemeinsam die Kunstfreiheit gegen antidemokratische Tendenzen verteidigen", forderte Martin. Aus politischer Perspektive stelle das Verbot von Büchern einen Angriff auf die Idee der mündigen Öffentlichkeit dar. "Demokratie lebt davon, dass wir streiten dürfen – mit Argumenten, nicht mit Radiergummis. Eine Gesellschaft, die Literatur aus Angst entfernt, signalisiert Schwäche, nicht Stärke", betonte die Ministerin.
Experten betonen Bedeutung freier Bibliotheken
Dr. Ramona Dornbusch, Direktorin des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege, wies darauf hin, dass Zensur meist leise beginne – mit Auslassungen, Umdeutungen und dem Versuch, Komplexität zu reduzieren. "Die Frage, wer entscheidet, was gelesen, bewahrt, erinnert oder ausgeblendet wird, ist kein amerikanisches Phänomen", so Dornbusch.
Für den Landesverband des Deutschen Bibliotheksverbandes definierte Dr. Barbara Unterberger Bibliotheken als "aktive Mitgestalter an einer offenen und demokratischen Gesellschaft". Der freie Zugang zu Informationen stärke die Mündigkeit der Bürgerinnen und Bürger und bilde die Grundlage für eine weltoffene Gesellschaft.
Matthias Wehry, Leiter der Landesbibliothek, zitierte Peter Coyl, Direktor der Sacramento Public Library: "Bibliothekare verteidigen kein bestimmtes Buch oder Konzept, sondern das Recht auf Bücher und das Recht derjenigen, die sich für das Lesen entscheiden. Wir argumentieren für Fakten und Wahrheit. Bibliotheken sind nicht neutral, sondern prinzipientreu."
Ausstellung wandert durch Mecklenburg-Vorpommern
Die Ausstellung "banned books" ist noch bis zum 27. Februar 2026 während der regulären Öffnungszeiten in der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin zu sehen. Anschließend wird sie in verschiedenen Bibliotheken und Kultureinrichtungen des Bundeslandes präsentiert. Der Eintritt ist frei, und Besucher sind ausdrücklich eingeladen, die ausgestellten Bücher in die Hand zu nehmen und darin zu lesen.
Die Wanderausstellung bietet nicht nur Einblicke in amerikanische Zensurpraktiken, sondern regt auch zur Reflexion über die Bedeutung von Meinungsfreiheit, demokratischer Debattenkultur und der Rolle von Bibliotheken als Bewahrer des kulturellen Gedächtnisses an.



