Auf der Ostseeinsel Poel herrscht Ausnahmezustand: Ein gestrandeter Buckelwal lockt seit Ende März internationale Presse, Schaulustige und Rettungskräfte an. Die Bewohner des kleinen Ortes Kirchdorf erleben einen nie dagewesenen Trubel, der das Dorfleben auf den Kopf stellt. Während einige mitfiebern, sind andere genervt von den Auswirkungen.
Ein Wal als unerwarteter Besucher
Der Buckelwal, den die Medien liebevoll „Timmy“ getauft haben, war Ende März vor der Insel gestrandet und konnte sich trotz mehrerer Versuche nicht dauerhaft befreien. Seitdem ist der sonst so beschauliche Hafen von Kirchdorf zum Zentrum des Geschehens geworden. Zahlreiche Kamerateams aus dem In- und Ausland berichten über das Schicksal des Meeressäugers. Der Parkplatz am Hafen ist zeitweise für die privat organisierte Rettungsinitiative gesperrt, und auch die Zufahrt zum Hafen war zwischenzeitlich dicht.
Einbußen für Gastronomen
Die Gastronomen auf Poel spüren die Auswirkungen deutlich. Mandy Hartung, Kellnerin im Restaurant Kröning's Fischbaud, berichtet von massiven Umsatzeinbußen. „Wir haben ein Fernglas auf den Tresen gestellt, um den Wal zu beobachten“, sagt sie. Doch die Neugier der Gäste hält sich in Grenzen. „Viele Urlauber bleiben weg, weil sie keine Lust auf den Trubel haben“, erklärt sie. Der Umsatz sei um 50 bis 60 Prozent eingebrochen. Auch ein Imbissbetreiber in Hafennähe, der anonym bleiben möchte, bestätigt die Verluste. Die Presseleute, die stattdessen kommen, bestellen meist nur Kaffee – das kompensiere die fehlenden Gäste nicht.
Gemischte Gefühle bei den Einheimischen
Die Stimmung unter den Poelern ist gespalten. Helga Nausch, eine 75-jährige Ur-Poelerin, die nach längerer Abwesenheit seit 30 Jahren wieder auf der Insel lebt, wünscht dem Wal zwar das Beste, kritisiert aber die Begleiterscheinungen. „Was aktuell läuft, ist ein Trauerspiel“, sagt sie. Sie verweist auf die mehrfachen Strandungen des Tieres und darauf, dass Menschen über frisch gesäte Äcker gefahren seien, um dem Wal näher zu kommen. Im Gästebuch der Kirche hätten vermeintliche Wal-Freunde der Gemeinde gedroht. „Wir Poeler sind sprachlos“, sagt sie. „Ich kenne keinen Poeler, der anderer Meinung ist.“
Auch Jürgen Westphal, ein 82-jähriger Poeler, spricht von „Theater“. Er kritisiert die Schaulustigen, die die Äcker zerstören, und die Drohungen im Kirchenbuch. Dennoch zeigt er Verständnis: „Man kann niemanden von der Insel verweisen, und das wollen wir auch gar nicht. Das werden wir auch überstehen.“ Dem Wal wünscht er, dass er es ebenfalls übersteht, auch wenn das ungewiss sei.
Rettungsinitiative und Tourismus
Nachdem zunächst von aktiven Rettungsmaßnahmen abgesehen wurde, um das geschwächte Tier nicht zusätzlich zu stressen, versucht seit Mitte April eine private Initiative, den Wal zu befreien – geduldet und kontrolliert vom Land. Diese Aktion hat zu kleinen Demonstrationen geführt, aber auch zu Hoffnung bei den Tierschützern.
Der Tourismus auf Poel hat unter dem Trubel bisher nicht gelitten, sagt Silvio Kremer vom Poeler Tourismusservice. „Die Unterkünfte sind weiterhin gut gebucht“, erklärt er. Man erhoffe sich sogar, dass der Wal den Bekanntheitsgrad der Insel steigere und sich positiv auf den Tourismus auswirke. Eine Berlinerin mit Zweitwohnsitz auf Poel, die anonym bleiben möchte, sieht das anders: „Die Leute hier sind eigentlich genervt.“ Sie findet, dass man sich lieber um die Meeresumwelt kümmern sollte, etwa gegen Geisternetze vorgehen. „Man hat schon genug für den Wal getan“, sagt sie.
Gästebuch der Kirche als Spiegel der Emotionen
Das Gästebuch der Kirche in Kirchdorf ist ein Spiegel der aufgewühlten Gefühle. Neben guten Wünschen wie „Du schaffst es, dicker Junge“ und „Segen für Timmy“ finden sich auch kritische Einträge: „Was ist Poel nur für eine Gemeinde? Pfui, schämt euch!“ Ein Besucher schrieb: „Ich bete für Timmy und für alle Wale, dass sich ihre Lebensbedingungen nicht weiter verschlechtern.“
Die Kellnerin Mandy Hartung hofft, dass die Aufhebung der Hafensperrung wieder mehr Gäste anlockt. „Ich glaube, so was gab's hier noch nie“, sagt sie. Der Wal bleibt vorerst das dominierende Thema auf der Insel – und die Poeler sind gespannt, wie die Geschichte endet.



