Neustrelitzer StreitBar sucht Zeitzeugen für Diskussion über DDR-Jugendwerkhöfe
Zeitzeugen für Diskussion über DDR-Jugendwerkhöfe gesucht

Neustrelitzer Theater lädt zu kontroverser Diskussion über DDR-Jugendwerkhöfe ein

Die StreitBar am Theater Neustrelitz widmet sich einem besonders brisanten Kapitel der DDR-Geschichte. Unter dem provokativen Titel „Knast oder Fürsorge?“ soll am 26. April die widersprüchliche Geschichte der Jugendwerkhöfe in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik beleuchtet werden. Die Veranstalter rufen ausdrücklich Zeitzeugen zur aktiven Mitwirkung auf – sowohl Betroffene als auch ehemalige Mitarbeiter der Jugendhilfe.

Vielschichtige Aufarbeitung eines dunklen Kapitels

Dramaturg Martin von Bargen kündigt einen vielschichtigen Zugang zum Thema an. Der Berliner Wissenschaftler Dr. Christian Sachse wird über Entstehung und Organisation des „Systems Jugendwerkhof“ referieren. Die Diskussion soll sich jedoch nicht nur mit der historischen Dimension beschäftigen, sondern auch die Aufarbeitung seit 1990, Fragen der Rehabilitation und Entschädigung sowie den politischen und gesetzgeberischen Umgang mit diesem Erbe thematisieren.

Besonderes Gewicht liegt auf den persönlichen Erfahrungen. Betroffene erhalten auf dem Podium und in der anschließenden Diskussion Raum, über ihre Erlebnisse in Jugendwerkhöfen und die langfristigen Auswirkungen auf ihr Leben zu sprechen. Parallel hoffen die Gastgeber auf den Beitrag ehemaliger Erzieher und Mitarbeiter der Jugendhilfe, die beruflich mit diesen Einrichtungen zu tun hatten.

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Jugendwerkhöfe im Nordosten – ein weitverzweigtes Netz

Im Nordosten Deutschlands existierte ein dichtes Netz von Jugendwerkhöfen. Zu den bekanntesten Standorten zählten:

  • Demmin
  • Dorf Mecklenburg
  • Gerswalde in der Uckermark
  • Rühn
  • Vollrathsruhe in der Müritzregion
  • Wrangelsburg in Vorpommern

Die Gründe für eine Einweisung waren vielfältig und reichten von pubertärer Rebellion über sozial auffälliges Verhalten bis hin zu politischer Unangepasstheit. Auch das „Weglaufen“ aus Kinderheimen, sogenannte „sexuelle Promiskuität“ oder die Zugehörigkeit zur Punker-Subkultur konnten zur Unterbringung führen.

Traumatische Erfahrungen und das Erbe der DDR-Jugendhilfe

Seit den frühen 1950er Jahren dienten Jugendwerkhöfe offiziell als Einrichtungen der Jugendhilfe, in denen Jugendliche ab 14 Jahren zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ geformt werden sollten. Viele der Betroffenen kamen bereits aus schwierigen sozialen Verhältnissen und erlebten in den Einrichtungen seelische und körperliche Gewalt sowie Isolation. Die Folge waren oft schwere Traumatisierungen, die das weitere Leben prägten.

StreitBar als Forum für kontroverse gesellschaftliche Debatten

Mit der Reihe „StreitBar“ etabliert die Theater- und Orchestergesellschaft Neustrelitz ein Diskussionsformat, das bewusst kontroverse Themen aufgreift. Nach Veranstaltungen zur bisherigen Spielzeit und zur allgemeinen Streitkultur geht man nun mit einem nicht primär theaterbezogenen Thema einen Schritt weiter. Das Format kombiniert wissenschaftlichen Input mit persönlichen Zeugnissen und künstlerischer Begleitung.

Für den musikalischen Beitrag sorgt Schauspieler Lennart Klappstein, bekannt aus Produktionen wie „Romeo und Julia“ und „Sein oder Nichtsein“. Er interpretiert Lieder von Wolf Biermann, Stephan Krawczyk und Bettina Wegner – Künstler, die selbst mit dem DDR-System in Konflikt gerieten.

Die StreitBar öffnet am Sonntag, dem 26. April, um 11 Uhr im Rangfoyer des Landestheaters Neustrelitz. Zeitzeugen, die an der Diskussion mitwirken möchten, werden gebeten, Kontakt unter [email protected] aufzunehmen.

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