Flucht von der Ostsee: Der letzte Zettel ihres Bruders blieb für immer unvergessen
Bad Doberan • Lesedauer: 10 min
Bomben, endlose Trecks und ein Abschied ohne jede Hoffnung auf Wiedersehen: Die Zeitzeugin Elisabeth Schlaak berichtet vom Chaos der letzten Kriegswochen im Frühjahr 1945 – und von einer kleinen Nachricht, die das Schicksal ihrer Familie für immer verändern sollte.
Der hastige Aufbruch im März 1945
Am 3. März 1945 stand der Treckwagen bereits vor dem Haus, eilig bepackt mit den wenigen Habseligkeiten, die mitgenommen werden konnten. Anton, der polnische Helfer der Familie, hatte ein provisorisches Gestell gebaut und einen Teppich als Schutzdach darüber gespannt. Von der nahen Front am Ostufer der Dievenow war eine dringende Nachricht ihres Bruders Eberhard eingetroffen: Die Familie sollte sofort aufbrechen. Eberhard hatte sich zuvor von einem Lazarett in der Tschechoslowakei nach Swinemünde verlegen lassen, das zur Festung erklärt worden war. Alle Verwundeten, die noch eine Waffe tragen konnten, wurden an die näher gerückte Front geschickt.
Eberhard, gerade erst 19 Jahre alt und zum Leutnant befördert, musste eine Einheit aus Volkssturmmännern und Hitlerjungen im Alter von 14 bis 16 Jahren übernehmen – das letzte Aufgebot des untergehenden Regimes. Die Front war bedrohlich nah, gegenüber am anderen Ufer der Dievenow von Cammin bis zum Stettiner Haff. Der ständige Geschützdonner ließ keinen Zweifel an der Gefahr.
Die widerspenstige Mutter und die letzte Hoffnung
Die Mutter Klara Schlaak wollte partout nicht gehen, bevor sie nicht das Geschirr gewaschen und die Küche aufgeräumt hatte. Die deutschen Soldaten, die das Haus belegt hatten, drängten die Familie immer wieder, endlich zu verschwinden. Doch die Schwestern Elisabeth und Margret wollten unbedingt noch die angekündigte Rede des Führers hören, der am Abend über eine neue Waffe sprechen wollte, die den Endsieg bringen sollte. An diesen Endsieg glaubte jedoch niemand mehr, am allerwenigsten die realistische Mutter.
Schließlich saßen die Zwillingsschwestern hinten auf dem Treckwagen, während Mutter und Anton vorne Platz nahmen. Mitgenommen wurde auch die Familie Schneidermeister Scheidrowsky aus dem Nebenhaus – das alte Ehepaar wollte man nicht alleinlassen. Mitgeführt werden konnten nur die aller notwendigsten Dinge: ein Reisekorb, Federbetten, etwas Sitzgelegenheit auf dem Wagen, Lebensmittel und Wäsche. Niemand war auf diese Flucht wirklich vorbereitet, obwohl seit Wochen endlose Flüchtlingszüge durch Wollin gezogen waren.
Der Abschiedszettel und die verlorene Hoffnung
Am letzten Abend, an dem Bruder Eberhard noch zu Hause war, saß die Familie mit den Soldaten bei Kerzenschein zusammen. Fast schon gemütlich war die Stimmung bei Wein, Bier und einem kleinen Imbiss, als einer der Soldaten das Lied „Es steht ein Soldat am Wolgastrand“ anstimmte. Plötzlich klopfte es am Fenster – Eberhard erhielt seinen Einsatzbefehl. Als die Familie am nächsten Morgen aufbrach, fand sie auf dem Schreibtisch des Vaters einen Zettel des Bruders: „Weinet nicht um mich, auf Wiedersehen in Portugal.“ Wahrscheinlich wusste er bereits in diesem Moment, dass sich die Familie nie wieder sehen würde.
Die qualvolle Flucht und die verlorene Spur
Der Treck bewegte sich nur langsam vorwärts, der Nachthimmel war klar und mit Sternen übersät. Als es tagte, bemerkten sie, dass sie noch nicht weit gekommen waren. Plötzlich überholten sie Soldaten, die sie erkannten – Hitlerjungen, die man aus der Frontlinie bei Wollin abgezogen hatte. Ein Bekannter erzählte ihnen noch etwas von ihrem Bruder, der sie zurückgeschickt habe.
Es war ein höherer HJ-Führer gewesen, der aufgrund einer Kinderlähmung nicht als Soldat eingezogen worden war und zum Volkssturm gehörte. Dieser schickte die erst 15- bis 16-jährigen Hitlerjungen ohne jede Ausbildung an die Front – außer an der Panzerfaust, mit der sie damals trotzig herumliefen und sich unbesiegbar wähnten.
Die späte Gewissheit nach sechs Jahrzehnten
Die Familie sollte nie erfahren, wann und wo Eberhard genau gefallen war. Erst fast 60 Jahre später erfuhr Elisabeth Schlaak von einem Wolliner die ganze Geschichte: Eberhard hatte seine Jungen nach Hause geschickt und wollte im letzten Boot über die Dievenow setzen. Als er bemerkte, dass noch einige aus seinem Zug auf der Frontseite waren, kehrte er um, um sie zu holen – dabei fiel er.
Ein kleiner Zettel mit den Namen seiner „Männer“ fand sich später im Ärmelaufschlag seines Mantels und wurde den Eltern übergeben. Dieses unscheinbare Stück Papier wurde zum letzten greifbaren Andenken an den verlorenen Sohn und Bruder.
Die Zerstörung Swinemündes und die weitere Odyssee
Am 12. März 1945 erreichte die Familie Swinemünde, gerade rechtzeitig, um den verheerenden Bombenangriff auf die Stadt zu erleben. Bei dem Angriff kamen zwischen 4000 und 6000 Menschen ums Leben. Die Zerstörungen waren unvorstellbar: zerfetzte Menschen, tote Pferde der Flüchtlinge, zerstörte Häuser und unzählige Bombentrichter im Kurpark.
Die Flucht setzte sich fort über Pudagla auf Usedom, wo die Familie bei Bekannten unterkam. Als der Vater, der beim Volkssturm eingesetzt war, endlich zu ihnen stieß, beschloss man, mit dem Treckwagen weiterzuziehen. Der Vater durfte sie jedoch nicht begleiten – er musste zurück an die Front.
Die Trennung und das Überleben
Wenige Tage später tauchten junge Soldaten auf, die sich von der Front absetzen wollten. Die Mutter bestand darauf, dass ihre Töchter mitgingen, damit sie als junge Mädchen nicht den Russen in die Hände fallen würden. Sie selbst blieb zurück, um auf den Vater zu warten.
Dieses Bild der Mutter auf der Landstraße, die ihre Töchter ziehen ließ, sollte Elisabeth Schlaak nie vergessen. Die Schwestern schlossen sich den Soldaten an, wurden jedoch bald von einer Wehrmachtsstreife aufgehalten. Unterwegs sahen sie immer wieder erhängte Soldaten mit dem Schild: „So geht es Deserteuren!“
Das Leben nach der Flucht
Durch glückliche Umstände kamen die Schwestern schließlich nach Flensburg und später nach Oeversee, wo sie von einer Frau mit zwei Kindern aufgenommen wurden. Das mitgebrachte Geld und die Lebensmittelmarken waren bald aufgebraucht, und die Schwestern mussten Arbeit finden. Sie verdingten sich mehrere Monate auf Bauernhöfen nahe Flensburg, wo sie bei der Kartoffel- und Rübenernte halfen und Kartoffelmehl herstellten – eine mühsame Arbeit bei oft unfreundlichen Bauern.
Erstmals seit ihrer Flucht wurden die Zwillingsschwestern getrennt, als sie sich neue Arbeit suchten. Doch die Höfe lagen nur zehn Minuten voneinander entfernt, und die neuen Familien nahmen sie wie eigene Kinder auf.
Das Vermächtnis der Erinnerung
Elisabeth Schlaak lebt bis heute in Kühlungsborn, wo sie viele Jahre als Laborleiterin im Krankenhaus arbeitete. Ihre Zwillingsschwester Margret starb vor 16 Jahren. Die Mutter Klara Schlaak wurde nur 56 Jahre alt und starb an Krebs, der Vater wurde 76.
Der letzte Zettel ihres Bruders – „Weinet nicht um mich, auf Wiedersehen in Portugal“ – blieb für immer unvergessen. Er steht symbolisch für alle verlorenen Hoffnungen, für alle Abschiede ohne Wiedersehen und für das Trauma einer Generation, die den Krieg und seine Folgen am eigenen Leib erfahren musste.



