74-Jähriger Uckermärker startet in Rennsaison: „Alles, bloß kein typisches Rentnerleben“
74-Jähriger startet in Rennsaison: Kein typisches Rentnerleben

74-Jähriger Uckermärker startet in Rennsaison: „Alles, bloß kein typisches Rentnerleben“

Wenn Hartmut Kunkel in seinem Bekanntenkreis umherschaut, wird ihm manchmal ganz anders. Herzinfarkte, Krebserkrankungen, Bandscheibenoperationen – viele Freunde des sportbegeisterten Uckermärkers sind im Laufe der Jahre schwer erkrankt oder sogar verstorben. „Die waren zum Teil sogar noch zehn Jahre jünger als ich“, sagt der pensionierte Zweiradmechaniker nachdenklich. Doch anstatt sich vom Alter einschränken zu lassen, lebt der 74-Jährige gemeinsam mit seiner Ehefrau Renate ein bewegtes Leben voller Aktivität und Leidenschaft.

Goldene Hochzeit und sportliche Ambitionen

„Für den typischen Rentneralltag sind wir noch viel zu jung“, betont Hartmut Kunkel entschlossen. Das Ehepaar, das bereits die Goldene Hochzeit gefeiert hat, hält sich mit regelmäßigen sportlichen Unternehmungen fit. Zu Ostern werden die Rennräder verstaut und das Wohnmobil in Richtung Cottbus gelenkt. In der malerischen Lausitz wollen die beiden zwei Tage lang in die Pedale treten, bevor am Ostermontag die Sprechersaison des motocrossbegeisterten Seniors beginnt.

Hartmut Kunkel wurde erneut als Moderator verpflichtet und wird den ersten Lauf zur internationalen deutschen Meisterschaft der Quads und Seitenwagen kommentieren. Insgesamt stehen für das Jahr 2026 bereits 18 solcher Termine in seinem Kalender. Seine Ehefrau Renate ist stets an seiner Seite. „Das hält uns jung“, ist der Mittsiebziger überzeugt. „Vor allem der Kontakt zu den jungen Menschen gefällt uns sehr.“

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Von der Rennstrecke zum eigenen Geschäft

Die ständige Bewegung kennt Renate Kunkel von ihrem Mann seit jeher. Bereits 1975 gehörte Hartmut Kunkel zu den Gründungsmitgliedern des MSC Parmen. Bis 1989 war er selbst aktiv auf der Crossstrecke unterwegs, bevor er sein eigenes Renn-Team gründete und es zu zahlreichen Trophäenerfolgen führte. Parallel dazu machte er sich in Prenzlau mit seinem jüngeren Bruder mit einem Zweiradgeschäft selbstständig, das bis heute existiert.

Auch als Ruheständler arbeitet der Uckermärker noch einen Tag pro Woche in dem Betrieb. „Ich bin für die ganz kniffligen Sachen zuständig“, verrät er mit einem verschmitzten Lächeln. „Man findet ja kaum noch Leute, die fachgerecht arbeiten können. Mittlerweile treten schon andere Händler an mich heran und fragen, ob ich etwas zusammenbauen oder reparieren kann.“

Schrauber-Paradies und Motorrad-Leidenschaft

Die übrige Freizeit verbringt der pensionierte Maschinenbaumeister in seinem privaten Schrauber-Paradies in einem kleinen Dorf nahe Prenzlau. Nachdem seine geliebte Werkstatt 2012 abgebrannt war, hauchte er gemeinsam mit Sportfreunden einem alten Kälberstall neues Leben ein. In diesen Gemäuern befindet sich bis heute der Sitz der Jawa-Freunde Nord-Ost, einer Interessengemeinschaft von Fans der alten tschechischen Motorrad-Marke.

Traditionell lädt diese Initiative am 18. April zum nächsten „Anblasen“ auf den Prenzlauer Marktberg ein. Wer mit den Oldies über historische Technik fachsimpeln möchte, ist dort genau richtig. Allerdings kann der Initiator selbst in diesem Jahr bedauerlicherweise nicht teilnehmen. An besagtem Tag werden bei ihm zu Hause Legenden des ostdeutschen Motocrosssports erwartet. Im privaten Rahmen möchte er sich mit Olympia-, Europa- und DDR-Meistern austauschen. „Es haben schon ganz viele Koryphäen zugesagt, was mich natürlich immens freut“, erklärt er begeistert.

Zufälliger Einstieg in die Moderation

Zu seiner Tätigkeit als Moderator kam Hartmut Kunkel Mitte der 1990er Jahre eher zufällig. „Quasi wie die Jungfrau zum Kind“, beschreibt er es schmunzelnd. „Mein Vorgänger hatte einen Schlaganfall erlitten, woraufhin viele Veranstalter im Osten plötzlich ohne Moderator dastanden. Mein erster Versuch auf der heimischen Strecke in Parmen kann nicht so schlecht gewesen sein, denn tags darauf begann das Telefon zu klingeln. Alle wollten mich dabeihaben.“

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Bis heute ist die Nachfrage ungebrochen, „nur dass die Leute jetzt am Anfang des Telefonats vorsichtig fragen, ob ich schon in Rente bin“, verrät er lachend. Was den eigentlichen Beruf angeht, ist das seit 2017 der Fall, doch im übrigen Leben läuft er weiter auf Hochtouren. Auf die Frage, ob er befürchtet, dass künstliche Intelligenz seine Aufgabe übernehmen könnte, winkt er ab. „Nee, das glaube ich nicht. Man muss ja in Bruchteilen von Sekunden auf die Situation im Rennen reagieren und empathisch kommentieren. Das kann eine Maschine nicht. Obwohl ...“

Kritik an digitalen Entwicklungen

Eine Entwicklung, die Hartmut Kunkel bedauert, ist der zunehmende Verzicht auf gedruckte Programmhefte bei Veranstaltungen. Aus Kostengründen stellen einige Organisatoren die Daten nur noch digital zur Verfügung. „Das hatte zur Folge, dass 50 Prozent der Leute nur noch runter aufs Handy starren, um ja nichts zu verpassen. Die Aufmerksamkeit wurde zwangsläufig zweigeteilt, was ich sehr, sehr schade finde. Selbiges beobachte ich auch beim Fußball.“

Er wünscht sich, dass diese Tendenz gestoppt wird „und wir wieder zurück zu echten menschlichen Kontakten und Interaktionen finden. Das macht die Gesellschaft doch aus. Aber da werde ich vermutlich nicht erhört.“ Trotz dieser kritischen Anmerkungen bleibt Hartmut Kunkel optimistisch und voller Tatendrang. Für ihn und seine Frau Renate steht fest: Das Rentnerdasein wird aktiv und mit viel Leidenschaft gestaltet – ganz nach dem Motto: „Alles, bloß kein typisches Rentnerleben.“