Vom Koma zum Triathlon: Andreas Mückes außergewöhnlicher Weg zurück ins Leben
Am 1. März beginnt für Andreas Mücke aus Schwerin die neue Sportsaison. Beim traditionellen Wittenburger Mühlenlauf sitzt er wieder im Handbike, die Hände fest an der Kurbel. Dieses Rennen ohne offizielle Wertung hat für den 55-Jährigen besondere Signalwirkung, denn im Juni 2026 wartet der große Höhepunkt: die Special Olympics Nationale Sommerspiele im Saarland.
Der Traum von den Weltspielen 2027
Mehr als 4000 Athleten werden bei den nationalen Spielen antreten. Andreas Mücke ist der einzige nominierte Triathlet aus Mecklenburg-Vorpommern. „Für mich ist das eine riesige Ehre“, betont der Schweriner. Sein konkretes Ziel lautet, unter die ersten Zehn im Triathlon zu kommen. Dies wäre der entscheidende Schritt in Richtung der Weltspiele 2027, die er fest im Blick hat.
Vier- bis fünfmal pro Woche trainiert Mücke intensiv für diese Herausforderung:
- Ergometer-Einheiten zur Steigerung der Ausdauer
- Handbike-Training für die spezifische Wettkampfvorbereitung
- Kraftübungen zum Muskelaufbau
- Regelmäßige Physiotherapie-Sitzungen
Herausforderungen durch gesundheitliche Einschränkungen
Nach zwei schweren Schlaganfällen verfügt Mückes rechte Körperseite nur noch über etwa 20 Prozent ihrer ursprünglichen Kraft. „Ich fahre mit einer starken und einer schwachen Seite“, beschreibt er seine Situation nüchtern. Bergab kann er gute Geschwindigkeiten erreichen, bergauf wird jede Steigung zum Kraftakt. Vor Wettkämpfen meditiert er regelmäßig, um epileptischen Anfällen vorzubeugen.
Beweis von Kampfgeist bei der „Hölle von Aschersleben“
Wie viel Durchhaltevermögen in dem Sportler steckt, demonstrierte Mücke eindrucksvoll Ende Januar 2026. Innerhalb von nur 24 Stunden absolvierte er zwei anspruchsvolle Wettkämpfe:
- Gewinn der Mitteldeutschen Ruderergometer-Meisterschaft in Sandersdorf-Brehna
- Teilnahme am berüchtigten Indoor-Triathlon in Aschersleben
Der Ascherslebener Wettkampf, im Volksmund als „Hölle von Aschersleben“ bekannt, forderte dem Sportler alles ab. Nach dem kräftezehrenden Schwimmen kämpfte er sich auf dem Ergometer zurück, absolvierte vier Kilometer bei 180 Watt und bewältigte anschließend die Laufstrecke mit Steigungsrampe. Elfmal bergauf, elfmal bergab. „Das hat mehr Kraft gezogen, als ich dachte“, gesteht Mücke. Dennoch hielt er durch und erreichte Platz fünf von 37 Startern – bemerkenswert für einen eigentlich als Formtest gedachten ersten Wettkampf dieser Art.
Der schwere Weg zurück ins Leben
Kämpfen musste Andreas Mücke schon viel früher in seinem Leben. Nach einem schweren Verkehrsunfall im Jahr 2010 lag er 96 Tage im Koma. Zwei Schlaganfälle folgten dieser traumatischen Erfahrung. Die Konsequenzen waren verheerend: Er verlor nach dem Unfall und der sich abzeichnenden Behinderung seine Arbeit, sein Haus und seine Partnerin.
Frustration bestimmte fortan seinen Alltag. Statt gesunder Ernährung dominierte ungesunde Kost wie Pizza, begleitet von reichlich Genussmitteln. Die Waage zeigte schließlich 220 Kilogramm an. „Damit habe ich mir den zweiten Schlaganfall selbst herangezüchtet“, sagt Mücke heute mit bemerkenswerter Offenheit.
Sport als Rettungsanker
Der Neustart begann in der Reha-Einrichtung in Plau am See und setzte sich später im betreuten Wohnen in Schwerin fort. In der Landeshauptstadt wurde der Sport zu Mückes wichtigstem Anker im Leben. Zunächst nutzte er einen Rollstuhl mit Vorspann-Bike, später wechselte er zum Handbike.
Da die meisten Handbike-Modelle nur bis 120 Kilogramm zugelassen sind, nahm Mücke radikal ab: „Ich verlor 120 Kilo in vier Jahren“. Mit dem Gewichtsverlust wuchs auch sein Wunsch nach sportlichen Wettkämpfen und der Teilnahme am sportlichen Miteinander Tag für Tag stärker.
Herausforderungen und Unterstützung
Die Rahmenbedingungen sind für den ambitionierten Sportler nicht einfach. Wettkämpfe sind im Norden Deutschlands eher rar gesät, Sponsoren kaum vorhanden. Hinzu kommen die hohen Kosten für ein Handbike, das mehrere Tausend Euro kosten kann.
Dennoch blieb Mücke beharrlich. Beim „Knappen-Man Triathlon“ qualifizierte er sich für die nationalen Spiele. Mittlerweile erhält er wertvolle Unterstützung beim Training durch den Leichtathleten und Olympiasieger Christian Schenk.
Die Botschaft hinter den Erfolgen
Nach all den überwundenen Hürden und errungenen Erfolgen steht für Andreas Mücke eine wichtige Erkenntnis fest: „Entscheidend ist nicht, ob du Erster oder 37. wirst. Wichtig ist, dass man wieder Mut findet.“
Der Schweriner weiß aus eigener Erfahrung, wie tief ein Mensch fallen kann. Aber er weiß auch, dass Aufstehen möglich ist – Schritt für Schritt oder Kurbel für Kurbel. Sport macht Verluste nicht ungeschehen, aber er zeigt eindrucksvoll, was trotz Handicap möglich ist. Genau diese Botschaft will Andreas Mücke mit seiner außergewöhnlichen Geschichte vermitteln und beweisen.



