Deutsche Eishockey-Frauen nach Olympia: Die Suche nach dem nächsten Schritt
Das Viertelfinal-Aus gegen den amtierenden Olympiasieger Kanada und Platz sieben in der Endabrechnung der Winterspiele in Mailand hinterlassen bei den deutschen Eishockey-Frauen eine gemischte Bilanz. Während die Spielerinnen, Trainer und der Sportdirektor den Wert der vergangenen zehn Tage betonen, wird deutlich: Es gibt noch viel Luft nach oben, um international wirklich konkurrenzfähig zu werden.
Historischer Erfolg mit begrenzten Mitteln
Erstmals seit zwölf Jahren war eine Frauen-Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes wieder bei Olympia dabei und schaffte zum ersten Mal überhaupt den Einzug ins Viertelfinale. „Die Spielerinnen haben gezeigt, dass sie hier hergehören. Sie sind nicht so weit weg wie vielleicht noch vor fünf, sechs, sieben Jahren von den Großen“, sagte DEB-Sportdirektor Christian Künast nach dem 1:5 gegen Kanada. Ein historisches Detail: Erstmals überhaupt gelang gegen die Kanadierinnen durch Franziska Feldmeier in der 49. Minute ein Tor.
Laura Kluge, Deutschlands erfolgreichste Stürmerin von Boston Fleet, sieht positive Effekte: „Ich glaube schon, dass wir viel Aufmerksamkeit durch das Turnier bekommen haben und ich finde, dass wir die auch gut genutzt haben, um Werbung für das deutsche Frauen-Eishockey zu machen.“ Die 29-Jährige machte persönlich als Top-Scorerin der gesamten Olympia-Vorrunde auf sich aufmerksam und wurde von ihrem Team in den USA über Social Media entsprechend gefeiert.
Das Problem der begrenzten Spitzenspielerinnen
Doch Spielerinnen vom Kaliber Laura Kluges hat das deutsche Team noch zu wenige, um einem Mitfavoriten wie Kanada ernsthaft gefährlich werden zu können. Kluge, Torhüterin Sandra Abstreiter, Verteidigerin Katarina Jobst-Smith – allesamt in der nordamerikanischen Profiliga PWHL unter Vertrag – und die in Schweden aktive Stürmerin Emily Nix trugen das Team von Bundestrainer Jeff MacLeod. Fällt eine Spielerin aus diesem Quartett verletzt aus, wird es bereits eng.
Kapitänin Daria Gleißner beschreibt das Kräfteverhältnis realistisch: „Das sind Topspielerinnen auf der Welt, gegen die wir da spielen. Wir haben die Voraussetzungen in Deutschland einfach nicht, die die haben und deshalb bin ich super zufrieden.“ Die Gemütslage erinnert dabei an die Situation bei den Männern bis vor gut zehn Jahren, als der Glaube, mehr als ein Viertelfinale erreichen zu können, kaum vorhanden schien.
Unterschiedliche Wege zur Verbesserung
Die Meinungen darüber, wie die deutschen Eishockey-Frauen den nächsten Schritt auf internationaler Bühne gehen können, gehen deutlich auseinander. Laura Kluge sieht den Schlüssel im Ausland: „Ich glaube, dass es helfen würde, wenn mehr Spielerinnen den Sprung in die PWHL schaffen, damit sie tagtäglich diese Challenge haben.“ Als Kandidatinnen gelten dafür aktuell vor allem die erst 16 Jahre alte Mathilda Heine von den Eisbären Berlin sowie die Zwillinge Lilli und Luisa Welcke von der Boston University.
Daria Gleißner vertritt dagegen eine andere Position: „Wir brauchen mehr Wettbewerb in der Liga. Man kann natürlich ins Ausland gehen. Aber das sollte das Ziel nicht sein.“ Tatsächlich wird die erste deutsche Frauenliga (DFEL) von gerade einmal fünf Teams gebildet – eins davon ist zudem HK Budapest aus Ungarn. Bundestrainer Jeff MacLeod unterstützt diese Sichtweise: „Wir müssen die heimische Liga und die Jugendliga entwickeln.“
Strukturelle Probleme und Lösungsansätze
Gleißner erneuerte zudem eine Forderung nach mehr Hilfe aus dem Männer-Eishockey nach dem Vorbild aus dem Fußball, wo immer mehr Bundesligisten auch Frauenteams fördern. Sportdirektor Künast bleibt nach eigener Aussage nicht viel mehr übrig, als „Klinken zu putzen“.
Sein aktuell größtes Problem ist der jährliche Verlust hunderter weiblicher Talente im Übergang vom Teenager-Bereich zu den Erwachsenen. Im Alter von 15 oder 16 Jahren können die Mädchen in den Jungenteams nicht mehr mithalten, sind aber meistens noch nicht so weit, um bei den Frauen mitspielen zu können. „Da passiert zu wenig“, sagte Künast und setzt auf die Unterstützung der größeren Männerclubs.
Neben diesen strukturellen Herausforderungen wird auch ein Mentalitätswandel notwendig sein, ähnlich dem, der bei den Männern mit dem damaligen Bundestrainer Marco Sturm ab 2015 einsetzte. Erst wenn sich diese verschiedenen Faktoren verbessern, können die deutschen Eishockey-Frauen langfristig mit den Weltbesten mithalten.



