Eishockey-Krise vor Olympia-Viertelfinale: Ex-Kapitän warnt vor Blamage gegen Frankreich
Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft steht trotz nominell stärkstem Kader aller Zeiten vor dem Olympia-Viertelfinale in einer tiefen Krise. Obwohl die Ausgangslage für die K.-o.-Runde in Mailand eigentlich günstig erscheint, offenbaren sich massive interne Probleme, die selbst eine Blamage gegen den Außenseiter Frankreich am Dienstag möglich erscheinen lassen.
Fehlende Einheit zwischen NHL-Stars und DEL-Spielern
Der langjährige DEB-Kapitän Moritz Müller sprach nach der enttäuschenden Vorrunde, die mit einer 1:5-Niederlage gegen Weltmeister USA endete, alarmierende Worte. „Man muss demütig genug sein, dass wir gegen jeden Gegner hier verlieren können. Das muss in unseren Kopf rein“, warnte der Routinier, der 2018 Olympia-Silber gewann und 2023 Vize-Weltmeister wurde.
Die erhoffte Einheit zwischen den NHL-Stars und den DEL-Spielern funktioniert bislang nicht. Tim Stützle, mit vier Treffern erfolgreichster deutscher Olympia-Torschütze, polterte nach dem USA-Spiel: „Mir geht es ein bisschen auf den Keks, dass immer nur über NHL-Spieler geredet wird. Das interessiert keinen, wer wo spielt. Wir sind eine Mannschaft, und die DEL-Spieler sind genauso wichtig wie wir alle.“
Draisaitls bitterer Abend und hilfloser Trainer
NHL-Weltstar Leon Draisaitl erlebte gegen die USA einen besonders bitteren Abend. Ohne einen einzigen Torschuss und von den Brüdern Matthew und Brady Tkachuk gezielt provoziert, verließ der deutsche Kapitän wortlos das Eis. Matthew Tkachuk höhnte auf dem Eis: „Immer nur die Brautjungfer, niemals die Braut, was Leon“ – ohne dass es nennenswerten Widerstand aus dem deutschen Team gab.
Bundestrainer Harold Kreis wirkte angesichts der Situation erstaunlich hilflos: „Was soll ich machen? Beide Tkachuks haben gegen Leon gespielt. Ich kann nichts machen“, sagte der Coach und offenbarte damit die Führungsschwäche im deutschen Lager.
Müllers schonungslose Analyse
Moritz Müller, der für Olympia und die drei NHL-Stars Draisaitl, Stützle und Moritz Seider als Kapitän abgesetzt wurde, lieferte eine schonungslose Analyse: „Im Vorfeld ist viel darüber gesprochen worden, wie gut diese Mannschaft ist. Die besten Mannschaften, die ich bei Deutschland erlebt habe – das war 2018 und 2023. Da muss diese Mannschaft erst noch hinkommen.“
Der 39-jährige Abwehrspieler, der gegen die USA deutlich mehr Eiszeit erhielt als zuvor, verdeutlichte die Kernprobleme: „Wir haben mit Sicherheit die besten Spieler dabei. Aber wir müssen auch verstehen, wie wir als Mannschaft auf dem Niveau zu spielen haben. Da braucht es halt eine geschlossene Mannschaftsleistung und geradliniges Eishockey.“
Systemprobleme und falsche Fokussierung
Laut Müller und Stanley-Cup-Sieger Nico Sturm ist das Spiel noch zu sehr auf die NHL-Stars zugeschnitten. Müller kritisierte: „Wir können nicht denken, dass jedes Mal, wenn jemand von denen auf dem Eis ist, dass wir denen jedes Mal die Scheibe geben und dann ein Wunder passiert.“
Sturm ergänzte: „Weil wir jetzt die Spieler haben, die auch Spielmacher sind, kommen wir manchmal ein bisschen von unserem System weg. Und das ist immer noch verteidigen und hinten stabil stehen und nicht in Schönheit sterben.“ Für das Pflichtspiel gegen Frankreich prognostizierte Sturm: „Wie Dänemark und Lettland, ekelhaft.“
Kurios: Medaillenchance trotz allem
Trotz aller Probleme und dank dänischer Schützenhilfe wurde die DEB-Auswahl überraschend Gruppenzweiter. Die Ausgangslage mit dem Spiel gegen Frankreich und einem möglichen Viertelfinale gegen die Slowakei am Mittwoch bleibt damit günstig.
NHL-Verteidiger Moritz Seider (Detroit) kommentierte: „Man kann sagen, dass man so ein bisschen mit einem blauen Auge davongekommen ist.“ Tim Stützle räumte ein: „Vor dem Turnier hätte das jeder mitgenommen. Wir müssen auf jeden Fall noch einige Schippen drauflegen, damit es hier weitergeht.“
Ob das deutsche Team die internen Probleme bis zum entscheidenden Spiel gegen Frankreich lösen kann, bleibt fraglich. Die Warnungen des Ex-Kapitäns Müller sollten allen Beteiligten zu denken geben.



