Moritz Seider im exklusiven Interview: Deutsche Eishockey-Nationalmannschaft mit historischer Chance bei Olympia
Der gelungene Auftakt bei den Olympischen Winterspielen in Mailand hat die Erwartungen an die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft weiter befeuert. Nach dem 3:1-Sieg gegen Dänemark spricht NHL-Verteidiger Moritz Seider im ausführlichen SPORT1-Interview über die Ambitionen des Teams, die neue Führungsstruktur und die realistischen Medaillenchancen gegen die weltbesten Nationen.
„Super Start“ mit Raum für Verbesserungen
„Es war ein super Start, vor allem die ersten zehn Minuten“, analysiert Seider den Auftakt gegen Dänemark. „Wir haben echt super aufgespielt mit viel Tempo und direkt gezeigt, in welche Richtung das gehen kann.“ Der Verteidiger zeigt sich zufrieden mit der Mannschaftsleistung, räumt aber ein: „Danach sind wir ein bisschen von unserem Spiel abgekommen, haben dann aber sehr gute Adjustments gemacht.“
Besonders positiv bewertet Seider die Entwicklung des Teamzusammenhalts: „Ich glaube, wir sind da schon relativ gut. Es waren echt gute Spielzüge schon dabei. Wir finden uns im Training immer besser zurecht und sind schon sehr, sehr weit.“
NHL-Formation als Gamechanger im Powerplay
Ein besonderes Augenmerk liegt auf der NHL-Formation im Powerplay mit Tim Stützle, John-Jason Peterka, Dominik Samanski, Leon Draisaitl und Seider selbst. „Überzahl, Unterzahl und die Torhüter: Das sind absolute Gamechanger-Momente“, betont der Verteidiger. „Die wollen wir auf unsere Seite reißen. Und da sehen wir große Verantwortung drin, auch natürlich dann abzuliefern.“
Seider hebt besonders die Qualitäten von Kapitän Leon Draisaitl hervor: „Da sind natürlich sehr viele Augen auf Leon gerichtet. Und der hat einfach die Qualität, zu verteilen. Dann sind wir auch einfach vier sehr gute Jungs drumherum, die die Scheibe ins Tor schießen können.“
Neue Führungsstruktur mit verteilten Rollen
Zur Kapitänsthematik erklärt Seider: „Ich würde Leon trotzdem eher als ruhigeren Kapitän beschreiben. Aber wir haben trotzdem mit Moritz Müller, Kai Wissmann, Jonas Müller und Marc Michaelis Jungs dabei, die selbst Kapitäne in ihren eigenen Vereinen sind.“
Seine eigene Rolle definiert der 24-Jährige anders: „Ich muss jetzt nirgendwo rumbrüllen, also da bin ich nicht unbedingt der Typ dafür. Einfach Spaß haben an der ganzen Sache. Ein Bindeglied zu sein, das ist meine Aufgabe. Und auf dem Eis will ich einfach mit einem guten Beispiel vorangehen.“
Realistische Einschätzung der Medaillenchancen
Obwohl Seider bekräftigt: „Ich denke, wir haben die beste Nationalmannschaft, die es jemals gab“, bleibt er realistisch: „Aber genauso geht es allen anderen Mannschaften. Team Finnland, Schweden, USA, Kanada – die Jungs sind natürlich alle voll besetzt.“
Der Verteidiger warnt vor überzogenen Erwartungen: „Das wird eine extreme Challenge für uns, da über 60 Minuten mithalten zu können. Deswegen sollte man so ein Turnier nicht immer nur an Platzierung festmachen, sondern einfach auch an der Leistung.“
Besondere Herausforderungen und Teamgeist
Auf die Frage nach den schwierigsten Gegnern nennt Seider ohne zu zögern: „Wenn man da nicht Connor McDavid oder Nathan McKinnon nennt … ich weiß nicht, dann lebt man vielleicht in der falschen Welt.“
Trotz der kleineren Eisfläche in Mailand und suboptimalen Eisverhältnissen zeigt sich das Team gelassen: „Es bringt nichts, wenn wir uns jetzt jeden Tag über das Eis aufregen. Ist es das beste Eis, auf dem wir gespielt haben? Absolut nicht. Aber es ist für alle gleich, deswegen gibt es keine Ausreden.“
Olympisches Dorf als besondere Erfahrung
Im Gegensatz zum kanadischen Team, das in ein Fünf-Sterne-Hotel ausgewichen ist, genießt die deutsche Mannschaft das olympische Dorf: „Es ist mega cool. Man sieht die ganzen anderen Sportler. Haben wir alle schon besser übernachtet? Auf jeden Fall. Aber wir haben trotzdem eine Menge Spaß zusammen.“
Ein besonderes Highlight war für Seider das Wiedersehen mit seinem ehemaligen Schulfreund Moritz Klein, der als Eisschnellläufer antritt: „Zwei fassungslose Gesichter, die sich da getroffen haben. Und dann haben wir einfach lange erzählt, viel gequatscht.“
Wichtiges Duell gegen die USA
Vor dem großen Test gegen die USA am Sonntag bereitet sich Seider besonders auf das Duell mit seinem Detroit-Kapitän Dylan Larkin vor: „Es wird auf jeden Fall komisch, aber wir haben schon viele Späße drüber gemacht. Ich freue mich unheimlich auf die Aufgabe.“
Die Strategie gegen die USA beschreibt Seider klar: „Wir müssen sehr strukturiert spielen, die Scheiben auch einfach mal rauschippen und geduldig warten auf Möglichkeiten, dürfen dann aber auch nicht zu passiv werden.“
Zielsetzung: Mit bestmöglicher Leistung zufrieden sein
Abschließend definiert Seider den Erfolgsmaßstab für Olympia: „Wenn wir am Ende des Tages in den Spiegel schauen können und sagen können: Hey Jungs, wir haben alles gegeben und wir haben alles erreicht und haben unser bestmögliches Eishockey gespielt, dann bin ich damit sehr zufrieden.“
Dennoch bleibt der Medaillentraum: „Jeder, der hierherkommt, will natürlich eine Medaille gewinnen. Das ist irgendwo logisch, deswegen sind wir alle Athleten und Spitzensportler. Aber man muss das Ganze auch einfach ein bisschen realistischer sehen.“



