Mithat Demirel: „Auch Alba kann sich noch Hoffnungen auf Kayil machen“
Demirel: „Auch Alba kann sich noch Hoffnungen auf Kayil machen“

Der deutsche Basketball erlebt einen historischen Höhepunkt: Mit zehn deutschen Spielern in der NBA gibt es so viele wie nie zuvor. Jack Kayil, der von Alba Berlin stammt, wurde an 39. Stelle von den New York Knicks gedraftet. DBB-Vizepräsident Mithat Demirel äußert sich im Gespräch mit dem Tagesspiegel zu dieser Entwicklung und den Perspektiven der Spieler.

Rekordzahl deutscher NBA-Profis

„Der deutsche Basketball ist auf einem absoluten Hoch nach den historischen Erfolgen bei den Männern mit dem EM- und WM-Titel“, sagt Demirel. „Und jetzt zehn Spieler zu haben, die dort spielen, und bei den Frauen nach dem 3x3 Olympia-Gold sind’s auch noch mal fünf. Das zeigt, dass der deutsche Basketball, und auch der europäische Basketball, in seinem Standing und seiner Qualität, auf dem höchsten Stand ist.“

Die Wurzeln dieser Entwicklung sieht Demirel in den Pionieren Detlef Schrempf und Dirk Nowitzki. „Angefangen bei Detlef Schrempf, der schon großen Einfluss hatte damals, als es noch nicht so viele europäische Spieler gab. Dann natürlich Dirk Nowitzki, der durch seinen Charakter, aber auch durch die Art und Weise, wie er gespielt hat, ein Vorzeigemodell der NBA geworden ist und völlig zurecht auch ein Hall of Famer. Das hat natürlich schon Türen geöffnet.“

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Jack Kayil: Zweite Runde, aber große Hoffnung

Kayil wurde in der zweiten Runde gedraftet, was seine Chancen auf einen sofortigen Einsatz schmälern könnte. Demirel verweist jedoch auf positive Beispiele: „Nikola Jokić ist zum Beispiel auch in der zweiten Runde gedraftet worden … auch Draymond Green ist von den Golden State Warriors in der zweiten Runde gedraftet worden. Also, es gibt viele positive Geschichten.“

Kayil habe besondere Stärken: „Er hat nicht diese herausragenden Wurfqualitäten, aber er hat diese Physis, er hat den Basketball-IQ. Und vor allen Dingen hat er, wenn ich das so sagen darf, halt echt Eier. Also im entscheidenden Finalspiel gegen Bayern mit null Treffern von acht Würfen zu starten, und dann in den letzten Minuten keine Angst zu haben, Würfe zu nehmen, Entscheidungen zu treffen…“

Es sei möglich, dass die Knicks ihn erst in ein bis zwei Jahren in den Kader holen. „Auf jeden Fall. Früher wäre das nicht so denkbar gewesen, aber die Zeit in Europa, diese Spielerfahrung, die hat unheimlich an Standing gewonnen in der NBA. Deshalb kann es durchaus passieren, dass er weiter in Europa die Möglichkeit bekommt, sich weiterzuentwickeln. Hoffentlich bei Alba, aber auch bei irgendeinem europäischen Top-Klub.“

Ungewisse Zukunft für Wagner, Hukporti und Kleber

Moritz Wagner, Ariel Hukporti und Maximilian Kleber werden ab 1. Juli vertragslos. Demirel sieht Chancen: „Moritz Wagner kann immer ein wichtiger Bestandteil jedes Teams in der NBA sein. Er muss halt für sich entscheiden, ob er mit dieser Rolle, mit diesen paar Minuten als Energizer, ob er damit glücklich wird, jetzt und in den nächsten Jahren. Oder ob er nicht doch überlegt, in der Euroleague viel Spielzeit zu bekommen.“

Maxi Kleber, mit 34 Jahren einer der älteren Spieler, habe sich als Shotblocker und defensiver Anker einen Namen gemacht. „Ja, aber man sieht auch, dass die Karrieren dort gerade auf solchen Positionen auch länger gehen können.“ Ariel Hukporti habe in New York ein gutes Standing. „Ich hoffe, dass er in New York bleiben und sich weiterentwickeln kann mit mehr Minuten auf dem Court.“

Herausforderungen für den DBB

Die vielen NBA-Spieler stellen den DBB vor logistische Hürden. „Charlotte wird jetzt die zweite deutsche Zentrale nach Orlando. Das ist schon toll, das muss man ja eigentlich feiern. Aber es macht es jetzt nicht unbedingt leichter, alle Spieler für die Nationalmannschaftsfenster zu gewinnen. Wir werden alle daran arbeiten, dass das auch in den nächsten Jahren einigermaßen funktioniert.“

Die Versicherungsfragen seien im Griff, aber College-Verträge bereiten Kopfzerbrechen. „Der Weltverband Fiba hilft mit und sucht nach Lösungen. Was momentan sehr anspruchsvoll ist, sind die College-Verträge, die nicht so leicht versichert werden können aus unterschiedlichen Gründen. Das wird auch eine ganz schöne Challenge werden.“

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Bundestrainer Mumbrú und die NBA Europe

Bundestrainer Álex Mumbrú trainiert zusätzlich Virtus Bologna, was seinem Vorgänger Gordon Herbert verwehrt blieb. Demirel erklärt: „Es wurde Álex Mumbrú zugesagt, dass das ginge, wenn er das unbedingt will. Es gibt ein großes Vertrauensverhältnis zu ihm und es gibt ein großes Interesse von allen Seiten, übrigens auch von Bologna, dass er für die Nationalmannschaftsfenster freigestellt wird. Das ist so abgesprochen.“

Zur NBA Europe sagt Demirel: „Die NBA Europe ist eine Riesenchance, aber es ist auch ein Bereich, an den man sich vorsichtig rantasten muss. Das macht die NBA jetzt. Sie kann nicht eine neue stärkste Liga Europas haben, ohne die Seele des europäischen Basketballs mitzunehmen, insbesondere ihrer Fankultur. Und das haben sie jetzt schon gemerkt in den ersten Gesprächen. Und deswegen hat sich das Tempo, das sie gefahren haben, schon ein bisschen verlangsamt.“

Ein Start im nächsten Jahr sei unwahrscheinlich: „Ich glaube, dass es schwer wird, in einem Jahr mit einer völlig neuen Liga zu beginnen, in der es einige Standorte noch gar nicht gibt. Das wird eine Riesenherausforderung. Ich kann es mir eigentlich noch nicht vorstellen, dass das im nächsten Jahr schon klappen wird.“