Elfmeterschießen sind kein Glücksspiel, sondern das Ergebnis gezielter Vorbereitung. Die deutsche Nationalmannschaft gewann das erste Elfmeterschießen der WM-Geschichte 1982 gegen Frankreich und verlor keines ihrer drei weiteren – eine Bilanz, die nur Kroatien ebenfalls vorweisen kann. Die schlechteste Nation bei WM-Elfmeterschießen ist nicht England, sondern Spanien: Die Selección gewann nur eines von fünf Elfmeterschießen bei Weltmeisterschaften.
Statistiken und Präzision
Rein statistisch ist die Sache einfach: Hoch schießen, sicher treffen. Laut Datenanbieter Opta wurden in den Elfmeterschießen der WM-Geschichte 39-mal in das obere Drittel des Tores geschossen – und jedes Mal getroffen. Da dies anspruchsvoll ist, zielen die meisten Spieler in eine der unteren Ecken. Aus Sicht des Schützen ist die linke Ecke zu empfehlen: Dort wurden bisher rund 85 Prozent der Elfmeter verwandelt.
Eine Analyse von fast 100.000 Elfmetern seit 2009 weltweit ergab, dass Präzision wichtiger ist als Schusshärte. Zudem steigt die Erfolgswahrscheinlichkeit, wenn der Anlauf länger als fünf Schritte beträgt. Auch die Zeit ist entscheidend: Der Schütze sollte sich nehmen, den Puls zu senken und die Konzentration zu steigern. Englische Spieler führten ihre Elfmeter früher am schnellsten aus – und schieden oft aus.
Psychologische Faktoren
Kann ein Schütze seine Mannschaft mit einem Elfmeter eine Runde weiterbringen, beträgt die Erfolgsrate 92 Prozent. Bei einem vergebenen Elfmeter gehen nur 60 Prozent der folgenden Elfmeter ins Tor. Statistisch ist es egal, wer beginnt – Forscher fanden keinen eindeutigen Beleg für einen Vorteil.
„Schütze im Elfmeterschießen bei einer WM zu sein, bedeutet extremen Druck“, sagt Sportpsychologe Geir Jordet aus Norwegen, der seit über 20 Jahren über Elfmeter forscht. „Es geht eher um eine menschliche als um eine fußballerische Herausforderung.“ Bis vor wenigen Jahren wurde viel dem Zufall überlassen, was den Druck erhöhte. Roberto Baggios Fehlschuss im WM-Finale 1994 ist ein Beispiel.
Moderne Vorbereitung der Torhüter
Der berühmte Zettel von Jens Lehmann bei der WM 2006 ist heute ein Museumsstück. Heute gibt es Briefings aller Torhüter mit dem Trainerteam und Analysen der bevorzugten Ecken der Schützen, unterstützt durch Künstliche Intelligenz. Dänemarks früherer Nationaltorwart Kasper Schmeichel berichtete von der Zusammenarbeit mit einem Gedankenleser: „Im Prinzip reden sie dir ja nur Dinge ein. Also haben wir einen gefragt, was man machen könnte, um den Schützen zu beeinflussen.“ Die Antwort: Überbetonung bestimmter Wörter. Bei der WM 2018 gegen Peru betonte Schmeichel das Wort „über“ – der Schütze schoss den Ball in den Himmel. „Ob es tatsächlich gewirkt hat, weiß ich nicht“, sagte Schmeichel.
Das englische „Penalty Project“
Der englische Verband startete 2018 das „Penalty Project“ und holte Jordet als Berater. Ziel war es, das Elfmeterschießen weniger zur Lotterie zu machen. England wurde vom schlechtesten Team bei großen Turnieren (sechs Niederlagen in sieben Elfmeterschießen zwischen 1990 und 2012) zu einem der besten (drei von vier gewonnen seit 2018). Laut Jordet halfen mehrere Aspekte: Elfmeter sollten trainiert werden, auch mit simuliertem Druck, und als Mannschaftsleistung gesehen werden – etwa wenn der Torwart aufbauende Worte mitgibt.
Training nach Gareth Southgate
Gareth Southgate, der als Spieler 1996 im Halbfinale gegen Deutschland verschoss, nahm als Trainer Elfmeter in den Trainingsplan auf. Nach harten Einheiten sollten Spieler mit müden Beinen präzise schießen. Auch der Weg vom Mittelkreis zum Punkt wurde geübt, um Druck zu erzeugen. Innenverteidiger John Stones sagte: „Die Leute sagen, Elfmeterschießen ist nur Glück. Ich glaube das nicht. Wenn du es trainierst und genau weißt, wohin du schießt, hat man einen Vorteil.“ Harry Kane hat sich eine immer gleiche Routine angewöhnt: „Ich mache immer dasselbe, egal, wohin ich schieße. So können mich die Torhüter nicht analysieren, denn es gibt nichts zu analysieren.“



