Beim torlosen Unentschieden zwischen dem Iran und Belgien in Los Angeles stand ein Mann im Mittelpunkt: Alireza Beiranvand. Der 1,95 Meter große Torwart entschärfte sieben Torschüsse und wurde von den Fans zum Spieler des Spiels gewählt. Doch der Weg des 33-Jährigen an die Spitze des Fußballs war von Entbehrungen geprägt – er war obdachlos, schlief auf der Straße und arbeitete als Straßenkehrer.
Kindheit in einer Nomadenfamilie
Beiranvand wuchs als Sohn einer armen Nomadenfamilie in der iranischen Provinz Lorestan auf. Als Kind hütete er Schafe und arbeitete auf dem Land. Nebenher begann er mit dem Fußballspielen. In einem Interview mit dem Staatsfernsehen im Jahr 2016 sagte Beiranvand: „Mein Vater wollte nicht, dass ich Fußball spiele. Eigentlich war er gegen jede Art von Sport – und sogar gegen die Schule. Er meinte, weder das eine noch das andere würde unserer großen Familie etwas nützen. Er hat sogar meine Fußballsachen kaputtgemacht und mir gesagt, ich solle arbeiten gehen.“
Flucht nach Teheran und Obdachlosigkeit
Mit dem wenigen Geld, das er sparen konnte, kaufte er sich im Alter von 14 Jahren ein Busticket nach Teheran. Ohne Zustimmung der Familie machte er sich auf den Weg in die Hauptstadt. Dort wollte er eigentlich bei seiner Tante wohnen, aber die ließ ihn nicht. Also trieb er sich auf der Straße herum. Ein Fußball-Scout sprach ihn wegen seiner Größe an und lud ihn zu einem Probetraining ein. Das war ein Erfolg, trotzdem war er weiter obdachlos. Später erzählte er: „Wenn man mit den Obdachlosen rund um den Azadi-Platz spricht, kennt mich dort jeder – einfach deshalb, weil ich direkt daneben auf der Straße geschlafen habe.“
Harte Arbeit und Ausbeutung
Einer seiner Mannschaftskameraden besorgte ihm einen Job in der Näherei seines Vaters. Dort durfte er auch schlafen. Dafür musste er von 7 bis 12 Uhr nähen, dann ging er trainieren, danach hatte er Nachtschicht bis 2 Uhr. Wenig später wechselte er den Verein – und verlor seinen Schlafplatz, übernachtete wieder auf der Straße, bis er eine Anstellung in einem Pizzaladen fand: „Das war eher Ausbeutung als Arbeit. Sie haben mich morgens um fünf Uhr geweckt und mir gesagt, ich solle den Abwasch machen und den Pizzaofen säubern.“
Vom Straßenkehrer zum Nationalhelden
Das Arbeitspensum war mit dem Training nicht zu vereinbaren, also wechselte er wieder den Job. Er arbeitete erst in einer Autowaschanlage, später für die Stadtverwaltung als Straßenkehrer. Dort wurde er von einem Verwandten gesehen: „Der rief meinen Vater an und sagte: ‚Dachtest du wirklich, dein Sohn würde in Teheran Sportler werden? Nein, mein Lieber, er fegt die Straßen.‘“ Nachdem die Medien im Land auf die Geschichte des bällehaltenden Straßenkehrers aufmerksam geworden waren, durfte er in einem Gebetsraum eines Vereins-Sponsors schlafen.
Aufstieg und internationale Karriere
Ab 2015 begann dann Beiranvands Aufstieg. Ein Jahr später wechselte er von Naft Teheran zu Groß-Klub Persepolis. 2020 folgte der Wechsel nach Europa, zu Royal Antwerpen. Mittlerweile spielt er wieder in der Heimat, bei Tractor SC in Täbris. Politisch hält er sich bedeckt, gilt nicht als Regimekritiker. Er vermeidet öffentliche Konfrontationen mit der Führung in Teheran. Die mehrheitlich regimekritischen Iran-Fans in Los Angeles feierten ihn nach dem 0:0 gegen Belgien trotzdem.



