Torstein Traeen (30) hat allen Grund zur Freude. Der norwegische Radprofi eroberte am Dienstag sensationell das Gelbe Trikot der Tour de France, nachdem er die 4. Etappe von Carcassonne nach Foix mit einem Husarenritt gewonnen hatte. Mit einem Vorsprung von beinahe acht Minuten vor den Topfavoriten Tadej Pogačar (27) und Jonas Vingegaard (29) liegt er nun an der Spitze der Gesamtwertung. „Was für ein Tag, um am Leben zu sein! Da ist ein Kindheitstraum wahr geworden“, jubelte Traeen im Ziel.
Vom positiven Dopingtest zur Krebsdiagnose
Selten hat sich ein Sportler so sehr über einen positiven Dopingtest gefreut wie Traeen. 2022, nach seinem Sieg in der Bergwertung der Tour of the Alps, rief ihn der Teamarzt an und teilte ihm mit: „Du bist positiv.“ Eine Welt brach für ihn zusammen. „Wie konnte das sein? Ich bin doch sauber?“, fragte sich Traeen. Doch die Probe schlug auf das Schwangerschaftshormon hCG an, das die Testosteronproduktion fördert, aber auch ein Indikator für Krebs ist. Die Diagnose lautete Hodenkrebs im Frühstadium. Eine Chemotherapie blieb ihm erspart, allerdings musste der linke Hoden entfernt werden. Nach wenigen Monaten saß er bereits wieder auf dem Rad.
„Diese Zeit veränderte mich. Du weißt, worauf es wirklich ankommt im Leben. Ich war einfach dankbar, wieder Fahrrad fahren zu können“, erzählt Traeen, der seine zweite Tour de France bestreitet. 2023 war er mit einem gebrochenen Ellenbogen 95. geworden – da war der Krebs bereits besiegt.
Der dritte Norweger im Gelben Trikot
Mit seinem Erfolg bei der 4. Etappe schreibt Traeen norwegische Sportgeschichte: Als dritter Norweger nach Alexander Kristoff (39) und Thor Hushovd (48) trägt er das Gelbe Trikot. Hushovd, heute Teamchef von Traeens Rennstall Uno-X Mobility, zeigte sich überwältigt: „Ich habe Gänsehaut am ganzen Körper. Es ist einfach gigantisch und unglaublich. Ich und das gesamte Team sind stolz darauf, ein Team zu leiten, das Stein für Stein aufbaut und Schritt für Schritt vorangeht.“
Dass Traeen das Trikot noch länger tragen wird, gilt als wahrscheinlich. Selbst an den anspruchsvollen Bergen, etwa dem Tourmalet am Donnerstag, dürften die acht Minuten Vorsprung kaum aufzuholen sein – nicht einmal für Pogačar und Vingegaard. „Die Tour ist das größte Rennen der Welt, und ich werde das Trikot so lange wie möglich genießen. Wir werden von Tag zu Tag sehen, aber ich hoffe, dass ich es jetzt noch eine ganze Weile behalten kann“, sagt Traeen.
Vom Hochspringer zum Tourhelden
Der größte Erfolg vor dieser Etappe war ein Etappensieg bei der Tour de Suisse 2024, den er dem tödlich verunglückten Schweizer Gino Mäder widmete. Traeen hatte bei seinem damaligen Team Bahrain-Victorious dessen Platz übernommen. Der neue Tourheld bleibt bescheiden: „Ich bin heute einfach dankbar. Hauptsache cool bleiben.“



