In China klafft das tiefste Sinkloch der Welt: das Xiaozhai Tiankeng nahe der Millionenmetropole Chongqing. Mit 626 Metern Tiefe und 527 Metern Breite ist es ein Abgrund von epischem Ausmaß. Kaum ein Sonnenstrahl erreicht den Boden, doch dort hat sich ein abgeschottetes Ökosystem gebildet, das eigenen Regeln folgt.
Entstehung des Xiaozhai Tiankeng
Ein Sinkloch, auch Doline genannt, entsteht, wenn ein unterirdischer Hohlraum durch Erosion einstürzt. Beim Xiaozhai Tiankeng dauerte dieser Prozess laut BBC zehntausende von Jahren. Regenwasser höhlte den porösen Sandstein aus, und ein mächtiger unterirdischer Fluss schuf riesige Höhlen, bis die Erde schließlich einbrach.
Die Dimensionen sind gewaltig: Der Krater ist so tief, dass man den Pariser Eiffelturm zweimal darin versenken könnte oder 40.000 olympische Schwimmbecken mit Wasser füllen.
Einzigartiges Ökosystem am Grund
Forscher fanden am Grund der tiefsten Doline der Erde eine Pflanzenwelt, die weltweit ihresgleichen sucht. Im Jahr 2024 beschrieben Wissenschaftler in einer Studie im „Chinese Journal of Plant Ecology“ mehr als 1200 Pflanzenarten, von denen sie 64 genauer untersuchten. Ihr Ergebnis überrascht: Die Flora „funktioniert“ hier anders als an der Oberfläche. Die Autoren schreiben: „Die Blätter der Pflanzen (…) enthalten weniger Kohlenstoff, dafür aber höhere Mengen an Stickstoff, Phosphor und weiteren Nährstoffen.“
Das bedeutet konkret: Sie wachsen schneller als gewöhnlich. Die Bedingungen sind konstant – die Temperatur bleibt relativ stabil, die Luftfeuchtigkeit ist hoch, und direktes Sonnenlicht ist selten. Durch die steilen Wände ist der Wald am Grund komplett von der Außenwelt getrennt, ein Mikrokosmos, abgeschottet von den Ökosystemen an der Oberfläche.
Entdeckung und Erforschung
Der Name verrät seine Herkunft: Xiaozhai ist ein verlassenes Dorf in der Umgebung, Tiankeng bedeutet „Himmlische Grube“. Laut BBC wurde das Xiaozhai Tiankeng erst 1994 „entdeckt“, obwohl Einheimische es seit Jahrhunderten kannten. Damals versuchte ein britisches Team von Höhlenforschern erstmals, den Abgrund zu kartieren. Zehn Jahre lang scheiterten sie immer wieder, da sie es nicht wagten, größere Abschnitte auf der reißenden Strömung des unterirdischen Flusses zurückzulegen, der noch immer durch die Tiefe fließt. So bleibt das tiefste Sinkloch der Welt ein Ort, der viele seiner Geheimnisse für sich behält.



