Der historische Fehlschuss, der die Bundesliga veränderte
Es war der 22. April 1986, ein Dienstagabend im Weserstadion, der sich für immer in die Annalen des deutschen Fußballs einbrannte. Michael Kutzop, bis dahin der sicherste Elfmeterschützer Werder Bremens mit 17 verwandelten Strafstößen in Folge, stand vor der vielleicht wichtigsten Sekunde seiner Karriere.
Die Vorgeschichte eines perfekten Strafstoßschützen
Bis zu diesem Schicksalsmoment galt Kutzop als unfehlbar vom Punkt. In 152 Bundesliga-Einsätzen bis zu seinem Karriereende 1990 erzielte der Libero 28 Tore, darunter 17 erfolgreiche Elfmeter. Seine Treffsicherheit war legendär, seine Nervenstärke bewiesen. Doch an diesem Abend sollte alles anders kommen.
Das Spiel gegen den FC Bayern München war ein echtes Endspiel um die deutsche Meisterschaft. Werder Bremen führte die Tabelle mit zwei Punkten Vorsprung an. Ein Sieg hätte die Meisterschaft praktisch sicher gemacht. Doch das Spiel entwickelte sich zu einem nervenaufreibenden Duell zweiter Torhüterlegenden: Jean-Marie Pfaff für Bayern und Dieter Burdenski für Bremen hielten ihre Mannschaften im Spiel.
Die dramatische 88. Minute
In der 88. Minute schien das Schicksal zugunsten der Bremer zu entscheiden. Rudi Völler, gerade erst von einer Leistenoperation genesen und von Trainer Otto Rehhagel eingewechselt, versuchte den Ball über Bayerns Sören Lerby zu lupfen. Der Däne streckte instinktiv die Arme aus – für Schiedsrichter Volker Roth ein klarer Handspiel, trotz späterer TV-Bilder, die diese Interpretation infrage stellten.
Was folgte, war Chaos. Die Bayern-Spieler rasteten aus, bestürmten den Schiedsrichter. Bayerns Co-Trainer Egon Coordes trat den Ball wutentbrannt weg, sodass zwei Minuten und acht Sekunden vergehen mussten, bis ein neues Spielgerät gefunden wurde. Wertvolle Zeit für Kutzop, um nachzudenken – zu viel Zeit, wie er später selbst einräumte.
„Vielleicht habe ich da zu viel Zeit gehabt, nachzudenken“, sollte Kutzop später sagen. In diesen Minuten des Wartens flüsterten ihm Bayern-Spieler unerhörte Dinge ins Ohr, die er bis heute für sich behält.Der Schuss, der Geschichte schrieb
Endlich lag der Ball auf dem Punkt. Kutzop lief schleppend an, verzögerte seinen Anlauf, schickte Torhüter Pfaff in die falsche Ecke – und traf nur den Außenpfosten. „Dieses Scheißgeräusch vergesse ich nie“, erinnerte sich der Spieler später.
Das 0:0 blieb stehen. Elf Flaschen Schampus, die im Kabinengang für die Bremer Meisterschaftsfeier bereitstanden, blieben ungeköpft. Stattdessen wurde nur Frustbier getrunken. Kutzop nahm seinen ersten Schluck direkt an der Weser, wo ihm eine Sat.1-Mitarbeiterin wortlos eine Flasche überreichte.
Die Folgen des Fehlschusses
Die Konsequenzen waren dramatisch. Vier Tage später verlor Werder Bremen in Stuttgart mit 1:2, während die Bayern gewannen und sich die Meisterschaft sicherten. Rudi Völler, der durch Kutzops Fehlschuss nie deutscher Meister wurde, blieb dennoch Freund des Elfmeterschützen. „Alles habe ich gewonnen, nur nie die deutsche Meisterschaft, nur wegen dir“, scherzte Völler später.
Die Popularität, die Kutzop durch den Fehlschuss erlangte, war zunächst eine Belastung. Nächtliche Anrufe von wütenden oder dankbaren Fans zwangen ihn schließlich, seine Telefonnummer zu ändern.
Die späte Genugtuung und die Ironie des Schicksals
Doch das Schicksal meinte es letztlich gut mit Michael Kutzop. Trainer Otto Rehhagel hatte ihm nach der Saison prophezeit: „Michael, es gibt einen Fußball-Gott. Wenn Sie weiter hart an sich arbeiten, wird er Sie belohnen.“ 1988 wurde Kutzop mit Werder Bremen tatsächlich doch noch Meister.
Die größte Ironie dieser Geschichte: Selbst wenn Kutzop getroffen hätte, wäre der Elfmeter wahrscheinlich wiederholt worden. Schiedsrichter Roth hatte bemerkt, dass der Bremer beim Anlaufen kurz stehen geblieben war – ein Regelverstoß, der zur Wiederholung geführt hätte.
Heute, 40 Jahre später, blickt der mittlerweile 71-jährige Kutzop gelassen auf den folgenschwersten Moment seiner Karriere zurück. „Wenn ich verwandelt hätte, wäre ich zwar zwei Mal Meister geworden“, sagte er einmal, „aber heute würde mich doch keine Sau mehr kennen.“ Der Fehlschuss machte ihn zur Legende – auf eine Weise, die kein Spieler je erhoffen würde.



