Das Bild des unerschütterlichen Ausnahmefußballers Michael Olise hat gegen Paraguay ein paar Kratzer bekommen. Das Offensivtalent der französischen Nationalmannschaft konnte im Achtelfinale (1:0) nicht wie gewohnt glänzen. Der „Dirigent der Mannschaft“, wie er von Le Monde genannt wird, tat sich mit dem Pressing Paraguays schwer. Fast immer waren zwei oder drei Gegenspieler um ihn herum, die seine Aktionen im Keim ersticken konnten.
„Zu amateurhaft“ – Französische Medien kritisieren Olise
„Zu amateurhaft“, „ein schlechter Tag für Olise“, hieß es in den französischen Medien. Die Präzisionspässe, für die der 24 Jahre alte Stürmer bekannt ist, blieben gegen Paraguay nämlich aus. „Trotz einiger Glanzmomente verlor er zu viele Bälle“, resümiert Franceinfo. Olise braucht Platz, um sich zu zeigen, und die ungemütlich spielenden Paraguayer weigerten sich, ihm den zu gewähren.
Die drei Musketiere: Olise, Mbappé und Dembélé
Olise bildet mit dem Torjäger Kylian Mbappé und dem Paris-Stürmer Ousmane Dembélé ein für ihre Effizienz gefürchtetes Trio, auch „die drei Musketiere“ genannt. „Sie sprechen die gleiche Fußballsprache“, stellte Deschamps Co-Trainer, Guy Stéphan fest. Zwar konnte Olise bei dieser WM noch kein Tor selbst erzielen, bereitete aber fünf vor. Er gilt als der Spieler des Turniers mit den genauesten Pässen.
Deschamps’ Philosophie: Mehr Tore schießen als der Gegner
Die Achillesferse von Olise, die beim Spiel gegen Paraguay zu Tage trat, offenbart eine Schwäche des neuen Offensivspiels von Deschamps. Denn Olise war es, der die Taktik des Weltmeistertrainers komplett auf den Kopf stellte. Deschamps installierte den Profi, der beim FC Bayern unter Vertrag steht, als Spielmacher – mit Erfolg. In wenigen Monaten stieg Olise zur Schlüsselfigur des französischen Fußballs auf. Deschamps setzt bei dieser WM auf vier Stürmer, was das Mittelfeld schwächt. Doch seine neue Philosophie lautet nunmehr: Mehr Tore schießen als der Gegner. Gegentore nimmt er in Kauf. „Das oberste Ziel ist es, beim Gegner Probleme zu schaffen, ihm weh zu tun“, so der Nationalcoach. Doch dafür braucht er einen brillierenden Olise.
Virtuos und elegant – Olises Spielstil
„Michael hat einen sehr wichtigen Einfluss. Wenn er den Ball berührt, passiert viel auf einmal“, lobt Deschamps seinen Leistungsträger nach dem Sechzehntelfinale gegen Schweden. „Zidane + Platini = Olise“, heißt es in französischen Medien. Olise sei einer, der wie Platini die Zügel des Spiels in der Hand hat und den richtigen Pass im richtigen Moment spielt. Er ähnele Zidane darin, einen siebten Sinn für das Spiel zu haben und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und das alles mit der tänzelnden Eleganz eines „Zizou“. „Virtuos und elegant“ spiele der Linksfuß laut Le Monde.
Der Aufstieg von Olise: Von Olympia zum Nationalhelden
Sein Debüt im Nationalteam feierte Olise im September 2024. Sein Einstand begann damals mit einer Niederlage und Zweifeln über seine Eignung als Nationalspieler. Doch seitdem konnte er sich mit sieben Toren in 21 Spielen und vielen Vorlagen einen Stammplatz bei „Les Bleus“ sichern. Türöffner für seine Karriere im Nationalteam waren die Olympischen Spiele 2024, wo Thierry Henry, der bis dato sein Idol war, sein Potenzial erkannte und ihn nominierte. Daraufhin wurde Deschamps auf ihn aufmerksam.
Englische und afrikanische Optionen – Olise entscheidet sich für Frankreich
Auch der damalige englische Nationaltrainer Gareth Southgate verkündete nach Olympia sein Interesse am „sehr guten Spieler“ Olise. Der Stürmer ist in England geboren und aufgewachsen. Doch er entschied sich gegen die Briten, obwohl er dort an der Seite seines bayrischen Teamkollegen Harry Kane hätte spielen können. Auch in Nigeria oder Algerien wäre ein Platz in der Nationalmannschaft gewesen, da Teile seiner Familie von dort kommen. Doch für ihn war es eine „natürliche Entscheidung“ für die Équipe tricolore aufzulaufen; die Erfüllung eines Kindheitstraums. Die Briten trauern dem Ausnahmetalent noch immer nach. Und das augenscheinlich zurecht. Frankreich kann frühestens im Finale auf England treffen, doch dort müsste sich das Team vom aktuellen Coach Thomas Tuchel angesichts der Leistung von Olise und den drei Musketieren wohl warm anziehen.



