Das Wunder von der Grotenburg: Ein Fußballspiel für die Ewigkeit
Vor genau vier Jahrzehnten, am 19. März 1986, schrieb Bayer 05 Uerdingen ein unvergessliches Kapitel der deutschen Fußballgeschichte. Im Viertelfinale des Europapokals der Pokalsieger, dem heutigen Vorläufer der Europa League, vollbrachte die Mannschaft das vielleicht größte Comeback aller Zeiten. Nach einer 0:2-Hinspielniederlage und einem 1:3-Rückstand zur Halbzeit drehte Uerdingen das Spiel gegen den DDR-Pokalsieger Dynamo Dresden zu einem atemberaubenden 7:3-Erfolg.
Ein Spiel, das die Logik des Fußballs außer Kraft setzte
Das sogenannte „Wunder von der Grotenburg“ wurde vom Magazin 11 Freunde sogar zum größten Fußballspiel der Geschichte gekürt. Die damaligen Protagonisten erinnern sich noch heute mit Gänsehaut an diesen historischen Abend. Werner Vollack, Torhüter von Bayer Uerdingen, beschreibt die Atmosphäre: „Mit dem ersten Tor kam plötzlich Energie ins Stadion. Plötzlich fühltest du, dass das Unmögliche möglich sein könnte. Die Zuschauer haben uns getragen – und mit jedem Treffer wurde alles unwirklicher.“
Die Ausgangslage schien aussichtslos: Dynamo Dresden hatte das Hinspiel im Rudolf-Harbig-Stadion mit 2:0 gewonnen und führte auch im Rückspiel in der Grotenburg-Kampfbahn zur Halbzeit mit 3:1. Die Stimmung in der Uerdinger Kabine war entsprechend gedrückt. Vollack erinnert sich: „In der Kabine herrschte Totenstille. Wir saßen da, mit Handtüchern vorm Gesicht, und konnten kaum glauben, was gerade passiert war. Uns war klar, dass wir aus diesem Wettbewerb ausgeschieden waren.“
Die magische zweite Halbzeit und Wolfgang Funkels Heldenrolle
Doch dann geschah das Unglaubliche. In der 58. Minute leitete Wolfgang Funkel mit einem Elfmeter die legendäre Aufholjagd ein. Was folgte, war eine beispiellose Serie von Toren:
- 64. Minute: Eigentor von Ralf Minge nach Freistoß von Matthias Herget – 3:3
- 67. Minute: Rechtsschuss von Wolfgang Schäfer – 4:3
- 78. Minute: Sololauf von Dietmar Klinger – 5:3
- 81. Minute: Erneuter Elfmeter von Wolfgang Funkel – 6:3
- 87. Minute: Zweiter Treffer von Wolfgang Schäfer – 7:3
Wolfgang Funkel, der mit drei Toren zum Matchwinner wurde, sagt heute: „Wenn man heute daran denkt, läuft einem immer noch ein Schauer über den Rücken. Dieses Spiel war mehr als Fußball – es war ein Moment, in dem alles möglich schien. Man spürte im Stadion förmlich, wie die Mannschaft und die Fans eins wurden.“
Die bleibende Bedeutung und eine nostalgische Wiedervereinigung
Das Grotenburg-Wunder prägt bis heute die Erinnerung an den Klub, der inzwischen als KFC Uerdingen in der Oberliga Niederrhein spielt. Anlässlich des 40. Jahrestages findet in Krefeld eine große Nostalgie-Veranstaltung statt, bei der sich zahlreiche Protagonisten von damals wieder treffen. Neben Werner Vollack und den Brüdern Wolfgang und Friedhelm Funkel werden auch Matthias Herget und viele weitere Helden erwartet. Der damalige Trainer Kalli Feldkamp, heute 91 Jahre alt, wird per Video zugeschaltet.
Friedhelm Funkel, der bei Uerdingen insgesamt 14 Jahre aktiv war, resümiert: „Dieses Spiel steht sinnbildlich dafür, dass Fußball sich nicht immer an Logik hält. Es sind genau solche Abende, in denen sich Charakter, Mentalität und Teamgeist verdichten. Uerdingen hat damals gezeigt, dass eine Partie erst mit dem Schlusspfiff entschieden ist.“
Im Halbfinale musste sich Uerdingen zwar Atlético Madrid geschlagen geben, doch das „Spiel für die Ewigkeit“ bleibt als unvergesslicher Moment in den Annalen des deutschen Fußballs verankert. Die komplette Partie wird bei der Jubiläumsveranstaltung noch einmal über die Leinwand laufen – 90 Minuten pure Fußballmagie, die Generationen von Fans begeistert hat.



