Als Josimar José Évora Dias an diesem Dienstagmorgen aus vermutlich unruhigen Träumen erwachte, war er auf Instagram zu einem Star geworden. Dias, der Weltöffentlichkeit nur bekannt als Vozinha, was im Portugiesischen „Großmütterchen“ bedeutet, hat inzwischen eine Followerschaft von 6,3 Millionen Menschen – über eine Million mehr als Florian Wirtz.
Ein Nobody im Weltfußball
Dabei war Vozinha bis zum Montagabend, dem Spiel seiner kapverdischen Nationalmannschaft gegen Spanien, nicht einmal dem größten Fußballfan ein Begriff gewesen. 46.000 Follower auf Instagram, 40 Jahre alt, Spieler des portugiesischen Zweitligisten G.D. Chaves – ein Nobody im Weltfußball.
Doch dann zeigte er das beste Spiel seiner Karriere. Er parierte gegen Ferran Torres vom FC Barcelona, gegen Fabian Ruiz von Paris Saint-Germain – kurz: Er hielt jeden der sieben spanischen Torschüsse und ließ den Europameister verzweifeln. Am Ende hieß es 0:0, eine Sensation. Die Fifa würdigte Vozinhas Leistung mit der Auszeichnung „Man of the Match“. Noch auf dem Rasen brach er in den Armen seiner Mitspieler in Tränen aus.
Ältester WM-Debütant ohne Gegentor
„Manchmal machen wir Witze über ihn wegen seines Alters“, sagte Rechtsverteidiger Steven Moreira nach dem Spiel. Statistiken zufolge ist Dias der älteste Torwart der WM-Geschichte, der bei seinem Turnier-Debüt ohne Gegentor blieb. „Heute hat er eine beeindruckende Leistung gezeigt. Er ist eine Legende.“
Tränen wegen der Großeltern
In den Katakomben der Arena in Atlanta erklärte Dias, dass er wegen seiner Großeltern geweint habe. Bei ihnen habe er seine Kindheit und Jugend verbracht, weil sein Vater bei der Armee war und seine Mutter viel arbeitete. „Ich bin meinen Großeltern, die jetzt von oben auf mich herabschauen, so dankbar.“ Seine Mutter hätte er gerne dabei gehabt, doch sie konnte nicht einreisen: „Weil wir die Kaution für das Visum nicht rechtzeitig zahlen konnten.“ Die USA verlangen von Einreisenden aus Kap Verde eine Bearbeitungsgebühr von 5.000 bis 15.000 Dollar.
Der Spitzname „Großmütterchen“
In seiner Kindheit konnte es Dias nicht ertragen, ungerecht behandelt zu werden oder zu verlieren. „Ich habe echt einiges abbekommen und wenn ich mich nicht mehr wehren konnte, bin ich sauer nach Hause gegangen“, erinnert sich der Torhüter. Häufig musste er von älteren Spielkameraden Prügel einstecken. Zuhause tröstete ihn seine Großmutter – das brachte ihm den Kosenamen Vozinha ein. Als er zu einem Klub nach Angola wechselte, wollte er den Spitznamen ablegen, doch ein anderer Torhüter hieß ebenfalls Josimar – also blieb es bei Vozinha.
Fast zurückgetreten
Die Karriere des Fußballphänomens begann spät: Erst mit 25 Jahren spielte er das erste Mal für einen Profi-Verein. Seine WM-Teilnahme war keineswegs sicher. „Ich hatte darüber nachgedacht, aus dem Nationalteam zurückzutreten. Doch ich bin dabei geblieben, denn ich hatte diesen Traum von der WM.“ Es sollen seine Mitspieler gewesen sein, die ihn überredeten, mitzufahren.
Eine ungewöhnliche Mannschaft
Vozinha ist nicht der einzige Spieler mit einem ungewöhnlichen Weg zur WM. Linksverteidiger Sidny Lopes Cabral spielte bis 2024 noch bei Rot-Weiß Erfurt in der Regionalliga Nordost. Innenverteidiger Roberto Lopes, genannt Pico, erhielt eine Anfrage über LinkedIn – und sagte erst zu, als sie auf Englisch kam, da er damals kein Portugiesisch sprach.
Vielleicht gelingt dieser ungewöhnlichen Mannschaft eine weitere Sensation? Auf die „Blauhaie“ warten noch Uruguay und Saudi-Arabien. Vozinha hofft: „Und, wer weiß, vielleicht ziehen wir dann in die nächste Runde ein.“



