Geteilte Wohnung, geteilte Mikroben
Wer mit anderen Menschen in einem Haushalt lebt, teilt sich viel miteinander – das Badezimmer, Essen, den Netflix-Zugang. Aber nicht nur das: Mitbewohner tauschen auch Mund- und Darmmikroben stärker untereinander aus, als sie das mit anderen Menschen in ihrem Umfeld tun. Besonders bei Paaren ähneln sich die Mikroben im Mund sehr, was vermutlich mit Küssen zu tun hat. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die in der Fachzeitschrift „Cell Press Blue“ erschien.
Mikrobiom: Was ist das?
Als Mikrobiom werden alle Mikroorganismen wie Bakterien oder Viren bezeichnet, die den Menschen oder andere Lebewesen besiedeln. „Mit wem wir unser Zuhause teilen, kann einen großen Einfluss auf unser Mikrobiom haben, was wiederum Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben kann“, sagt der Bioinformatiker Vitor Heidrich von der Universität Trient, der Erstautor der Studie.
Die Studie im Detail
Um der Antwort näherzukommen, analysierten die Forschenden Daten zu Mund- und Darmmikroben von 430 Personen aus 207 Haushalten in Italien und Fidschi. Dabei identifizierten sie die Mikrobenstämme innerhalb jeder einzelnen Person und verglichen sie mit den Personen aus demselben Haushalt. Im Durchschnitt wiesen zusammenlebende Personen zu 19 Prozent gemeinsame Mikrobenstämme im Darm und zu 26 Prozent im Mund auf. Bei Menschen, die getrennt voneinander wohnten, waren es sechs beziehungsweise null Prozent.
Paare teilen besonders viele Mundmikroben
Bei Paaren stimmten die Mikroben im Mund zu durchschnittlich 44 Prozent überein, was die Forschenden auf den Speichelaustausch beim Küssen zurückführen. Abgesehen davon war die Art der Beziehung der Mitbewohner – also ob es sich um Geschwister, Eltern oder Kinder handelte – nicht entscheidend. „Es war überraschend festzustellen, dass das orale Mikrobiom nicht viel übertragbarer ist als das Darmmikrobiom“, sagt Segata. „Das deutet darauf hin, dass die meisten unserer Mikroben quasi überall vorkommen und der mikrobielle Austausch sehr hoch ist, unsere Mikrobiome aber eher davon geprägt werden, ob unser Körper die Besiedlung durch diese Bakterien akzeptiert.“
Erkenntnisse für bessere Behandlungen
Zu den am stärksten übertragbaren Darmmikroben gehören dem Team zufolge solche, die öfter bei Personen mit Typ-2-Diabetes beziehungsweise einem erhöhten Risiko für Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorkommen. In der Mundhöhle wurden zwei Arten besonders leicht übertragen, die mit Darmkrebs in Verbindung stehen, sowie sogenannte opportunistische Erreger – diese können vor allem bei immungeschwächten Menschen Erkrankungen verursachen. Diese Ergebnisse könnten laut den Forschenden helfen, Mikrobiom-Behandlungen zu verbessern, etwa Stuhltransplantationen. Dabei werden aus Stuhl gewonnene Bakterien eines gesunden Spenders auf Patienten mit zerstörter Darmflora übertragen. Diese könnten „wesentlich effektiver“ werden, sagt Heidrich, „wenn wir die Eigenschaften identifizieren können, die manche Mikroben übertragbarer machen als andere.“



