BILD-Reporter Henrik Hoelzmann hat innerhalb von sechs Tagen alle 102 bisherigen WM-Spiele gesehen – insgesamt 144 Stunden Fußball am Stück. Sechs komplette Tage nur Fußball, von der Gruppenphase bis ins Achtelfinale. Als Teil der WM-WG von BILD in Dallas und später in New York begleitet er die Weltmeisterschaft rund um die Uhr.
Alltag in der WM-WG: Esstisch direkt ans Sofa gerückt
Die WM bestimmt seit 38 Tagen jeden Moment seines Lebens. In der Gruppenphase standen regelmäßig vier Spiele pro Tag auf dem Programm. Der Tagesablauf wird komplett nach dem Spielplan ausgerichtet: Am Abend wird besprochen, wie viel fußballfreie Zeit am nächsten Tag bleibt und wann das erste Spiel beginnt – meist um 11 oder 12 Uhr. Für Hoelzmann bedeutet das: Wecker um 9 Uhr, um vor dem Spiel noch gemeinsam Sport zu machen. Doch im Fitnessstudio der bange Blick auf die Uhr und in die Augen der Kollegen – nach dem Motto: Jeder noch eine Übung, dann schnell zurück zum Anpfiff.
In der WM-WG in Dallas wurde der Esstisch direkt ans Sofa gerückt, um optimalen Blick auf den TV zu haben. Hoelzmanns Stammplatz: ein Stuhl mit Metalllehne, der sich bereits in der ersten Woche verbog. Seine Rettung kam durch einen Kollegen, der einen Schreibtisch-Stuhl mit Stofflehne aus seinem Zimmer holte. Trotzdem weicht er zum Ende der Schicht gerne auf das gemütlichere Sofa aus.
Deutschlands WM-Auftakt bei 35 Grad am Presseeingang
Am 14. Juni, dem deutschen WM-Auftakt gegen Curaçao, wartete Hoelzmann eineinhalb Stunden bei 35 Grad und Sonne am Presseeingang des AT&T-Stadions in Dallas. Während der Wartezeit schaute er auf dem Handy WM. Im Anschluss erlebte er das erste Spiel live im Stadion: Holland gegen Japan. Insgesamt sah er acht WM-Spiele im Stadion in Dallas, die restlichen 94 im TV in der WM-WG.
Sein zweites Stadionspiel drei Tage später: England gegen Kroatien (4:2). BILD titelte: „Das war das beste Spiel der WM.“ Auf der Rückfahrt um 18 Uhr Ortszeit begann das Spiel Ghana gegen Panama. Hoelzmann, der Fahrer, konnte nur mit einem Auge auf den Bildschirm des Beifahrers schauen. Dann passierte etwas Unerwartetes: Er freute sich über Stau – das erste Mal in seinem Leben –, um doch noch mehr vom Spiel mitzubekommen.
Überraschungen bei den Spielen der „kleinen“ Nationen
Am 16. Juni spielte Neuseeland gegen den Iran. Hoelzmann dachte zunächst: „Puh. Für solche Spiele musste das Turnier wirklich erstmals auf 48 Nationen aufgeblasen werden?“ Doch er wurde eines Besseren belehrt: Das Spiel war eine der abwechslungsreichsten WM-Partien. Es sollte nicht das einzige positive Überraschungsspiel zwischen vermeintlich kleinen Nationen bleiben.
Am 17. Juni beim Spiel Argentinien gegen Algerien erlebte Hoelzmann einen historischen Moment: Lionel Messi erzielte einen Hattrick und zog mit WM-Rekordtorschütze Miro Klose gleich. Obwohl Hoelzmann glühender Ronaldo-Fan ist, konnte er nicht anders, als sich vor Messi zu verneigen. Die Strafe folgte am Morgen danach: Ronaldo blamierte sich mit Portugal gegen die DR Kongo (1:1).
Was bleibt von 144 Stunden WM?
Hoelzmann erlebte historische Spiele, über die noch lange gesprochen wird, aber auch enttäuschende Auftritte. Nicht zu vergessen: die zahlreichen Werbespots, die er hundertmal sah. Manche kann er inzwischen mitsprechen, andere hat er bis heute nicht verstanden.
Natürlich wird er auch das Spiel um Platz 3 und das Finale schauen – kurz vor Schluss schlappmachen kommt nicht infrage. Genau wie die zwei Fußball-Fans Austin Franklin (29) und Kevin Akoto (26), die 39 Tage lang in einem Glaskasten auf dem Times Square in New York alle 104 WM-Spiele live verfolgen. Jeder der beiden erhält 50.000 US-Dollar. Hoelzmann nicht – aber das macht nichts. Denn Akoto sagt: „Es ist wahrscheinlich der beste Job der Welt.“ Dem stimmt Hoelzmann zu.



