WM-Sommermärchen 2006: Soziologe erklärt Party-Patriotismus und Nation Building
WM-Sommermärchen 2006: Soziologe über Party-Patriotismus

Vor 20 Jahren erlebte Deutschland das sogenannte „Sommermärchen“ der Fußball-Weltmeisterschaft. Die Hochstimmung, die das Land erfasste, kam für viele überraschend. Der Soziologe und Buchautor Tim Frohwein erklärt im Interview, wie das Turnier den Patriotismus veränderte und alte Feindbilder überwand.

Die Vorbereitung auf das Turnier

Laut Frohwein war man auf die Begeisterung nicht vorbereitet. Bereits im Jahr zuvor hatte der Confed Cup einen Vorgeschmack gegeben: Trainer Jürgen Klinsmann entwickelte einen neuen Spielstil und erreichte mit der Mannschaft Platz drei. Doch danach lief wenig. Es gab erhebliche Zweifel an seinen Methoden und Kritik an seinem großen Trainerteam.

Im März 2006 verlor die deutsche Mannschaft 1:4 in Italien. Nach dem Spiel erschien Klinsmann nicht zu einem Workshop für die WM-Teilnehmer, woraufhin Franz Beckenbauer scharfe Kritik übte. Hätte Klinsmann das nächste Testspiel gegen die USA verloren, wäre er entlassen worden. Doch er gewann es mit 4:1.

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Die Stimmung während der WM

Während der WM erlebte Deutschland eine Welle des Party-Patriotismus. Frohwein beschreibt dies als eine Form des Nation Building: „2006 betrieb Deutschland eine Art Nation Building.“ Die Menschen feierten gemeinsam auf den Straßen, und alte Feindbilder, etwa gegenüber England oder den Niederlanden, verschwanden vorübergehend.

Der Soziologe betont, dass dieses Gefühl der nationalen Einheit nicht von Dauer war, aber einen nachhaltigen Eindruck hinterließ. „Es zeigte, dass Patriotismus auch ohne Nationalismus möglich ist“, so Frohwein.

Die Nachwirkungen des Sommermärchens

Das Sommermärchen von 2006 veränderte das Selbstbild Deutschlands. Laut einer Umfrage gaben 70 Prozent der Deutschen an, dass die WM das Image des Landes verbessert habe. Auch wirtschaftlich profitierte Deutschland: Die Austragung der WM brachte Einnahmen von rund 200 Millionen Euro.

Frohwein sieht in dem Turnier einen Wendepunkt: „Die WM zeigte, dass Deutschland ein weltoffenes und freundliches Land sein kann.“ Dieses Bild habe sich bis heute gehalten.

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