Der Historiker Johannes Hürter hat seinen Großvater dazu gebracht, über seine Zeit in der Wehrmacht zu sprechen. In einem Interview mit dem SPIEGEL erklärte Hürter, dass die Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg lange Zeit aus Scham und Schuldgefühlen totgeschwiegen wurden. „Für mich ist bis heute eine offene Frage, ob mein Großvater auch geschossen hat“, sagte Hürter. Er betonte, dass die Aufarbeitung dieser Verbrechen gesellschaftlich lange kein Thema war.
Die Verbrechen der Wehrmacht: Ein Tabu in der Nachkriegszeit
Jahrzehntelang wurden die Gräueltaten der Wehrmacht in der Sowjetunion und anderen Ländern verschwiegen. Hürter, der als Historiker am Institut für Zeitgeschichte arbeitet, beschrieb, wie er seinen Großvater immer wieder auf dessen Erlebnisse ansprach. „Es war ein langsamer Prozess, bis er bereit war, darüber zu reden“, so Hürter. Der Großvater habe zunächst nur Andeutungen gemacht, aber mit der Zeit mehr preisgegeben.
Die Wehrmacht war an zahlreichen Kriegsverbrechen beteiligt, darunter Massenerschießungen von Juden und sowjetischen Kriegsgefangenen. Lange Zeit wurde in Deutschland das Bild einer „sauberen“ Wehrmacht gepflegt, die nichts mit den Verbrechen der SS zu tun gehabt habe. Erst in den 1990er Jahren änderte sich diese Sichtweise durch Ausstellungen und Forschungsarbeiten.
Die Rolle der Familie bei der Aufarbeitung
Hürter betonte die Bedeutung der familiären Aufarbeitung: „Viele Enkel fragen sich, was ihre Großväter getan haben. Es ist wichtig, diese Fragen zu stellen, auch wenn die Antworten schmerzhaft sind.“ Sein Großvater habe ihm schließlich von seinen Erlebnissen in Russland erzählt, aber nie zugegeben, selbst geschossen zu haben. „Das bleibt eine offene Frage“, sagte Hürter.
Der Historiker wies darauf hin, dass die Aufarbeitung der Wehrmachtsverbrechen nicht nur eine akademische, sondern auch eine persönliche Dimension habe. „Es geht um die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte und der Verantwortung, die daraus erwächst.“
Die gesellschaftliche Bedeutung der historischen Forschung
Hürter betonte, dass die historische Forschung dazu beigetragen habe, das Bild der Wehrmacht zu korrigieren. „Heute wissen wir, dass die Wehrmacht tief in die Verbrechen des NS-Regimes verstrickt war.“ Er forderte eine weiterhin kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, um aus der Geschichte zu lernen.
Das Interview zeigt, wie wichtig es ist, die Verbrechen der Wehrmacht nicht zu vergessen und die Erinnerung wachzuhalten. Hürter appellierte an die Nachkriegsgenerationen, die Geschichten ihrer Vorfahren zu erfragen und sich mit der Schuld auseinanderzusetzen. „Nur so können wir verhindern, dass sich solche Verbrechen wiederholen.“



