WM-Trinkpausen: Debatte um Nutzen, Werbung und Taktik
WM-Trinkpausen: Debatte um Nutzen, Werbung und Taktik

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft gibt es pro Spielhälfte eine zusätzliche Pause, die offiziell dem Schutz der Spieler vor Dehydrierung dient. Doch die Unterbrechungen werden längst nicht nur zum Trinken genutzt – eine vielschichtige Debatte ist entbrannt. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Warum gibt es die Trinkpausen?

Der eigentliche Grundgedanke ist der Schutz der Fußballer. Bei hohen Temperaturen, wie sie an einigen Spielorten herrschen, sollen sie die Gelegenheit zur Abkühlung bekommen. Dehydrierung, also Flüssigkeitsmangel im Körper, soll verhindert werden. Dass dies eine gute Idee ist, daran gibt es eigentlich keinen Zweifel. Die Debatte entzündet sich unter anderem an der Festlegung, dass die Pausen bei dieser WM für jedes Spiel gelten – unabhängig davon, ob die Temperatur 35 oder 20 Grad beträgt.

Wie werden die Pausen tatsächlich genutzt?

Neben dem eigentlichen Sinn, dem Trinken, ist die Unterbrechung für viele Trainer eine willkommene Möglichkeit, kurz mit den Spielern zu reden, sie zu motivieren, zu beruhigen oder taktische Dinge anzusprechen. Bundestrainer Julian Nagelsmann nutzte sie nach dem zwischenzeitlichen 1:1 gegen Curaçao im ersten deutschen Spiel, um seine Mannschaft zu ordnen. US-Trainer Mauricio Pochettino zeigte seiner Mannschaft in einer kurzen Pause auf einem Tablet, was sie tun soll. Bei Brasilien fiel zudem Neymar auf, der in der Startphase der WM verletzt war, aber auf der Bank Tipps gab und als Motivator auftrat.

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Schon in mehreren Partien war zu beobachten, wie sich das Spiel nach den Unterbrechungen veränderte. Durch die Pause wird der Rhythmus gebrochen. Für eine Mannschaft, die gerade gut läuft, ist das schlecht; einem Team mit Problemen kann es helfen. Fest steht: Das Spiel verändert sich.

Wie finden Trainer die zusätzliche Möglichkeit zur Einflussnahme?

Die meisten Coaches bei der WM befürworten die Pausen oder beschweren sich nicht darüber. „Es ist wie ein kleiner Timeout und es macht es leichter, den Spielern Anweisungen zu geben“, sagte Algeriens Trainer Vladimir Petkovic. Auch Österreichs Coach Ralf Rangnick und Belgiens Trainer Rudi Garcia äußerten sich positiv. Uruguays Coach Marcelo Bielsa sieht das anders: „Vier statt zwei Halbzeiten zu spielen, verändert die kulturell geprägte Vorstellung, die man sich vom Fußball gemacht hat. Diese Pausen geben dem Spiel nichts, aber nehmen ihm viel.“ Jürgen Klopp brachte scherzhaft einen weiteren Aspekt ins Spiel: „Kommt in mein Alter. Es ist eine willkommene Pause, um zur Toilette zu gehen.“

Was kann man als Trainer in der kurzen Zeit überhaupt machen?

Nagelsmann sieht nur begrenzte Einflussmöglichkeiten: „Du kannst in den drei Minuten keine komplette taktische Analyse machen. Es bleiben nur 30, 40 Sekunden Zeit, einzugreifen. Aber die Zeit reicht nicht, um etwas komplett umzustellen.“ André Henning, Hockey-Bundestrainer der Männer, kennt das Thema aus seiner Sportart, wo es seit Jahren kurze Viertelpausen gibt. „Man muss das realistisch sehen: Die Spieler sind körperlich am Limit und emotional aufgewühlt. Selbst in längeren Pausen können die Spieler nur zwei bis drei Punkte aufnehmen“, sagte er dem „Spiegel“. Er konzentriere sich auf Reminder oder Bilder, die vorher besprochen wurden, oder rufe eine taktische Anweisung ins Gedächtnis.

Welche Kritikpunkte abseits des Sportlichen gibt es?

Dass die Pausen auch bei kühlen Temperaturen gemacht werden, sorgt für große Kritik. Ein Vorwurf: Es geht mal wieder nur ums Geldverdienen, denn wenn Pause ist, kann man Werbung machen. Das britische TV-Netzwerk ITV erwartet die kommerziell erfolgreichste Fußballübertragung seiner Geschichte; die Werbeeinnahmen sind 30 Prozent höher als bei der EM 2024. In den USA werden Werbeblöcke gezeigt, die Pausen werden von Unternehmen „präsentiert“. Auch in Deutschland zeigen ARD, ZDF und Magenta TV im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten Werbung. Die FIFA profitiert nach eigenen Angaben nicht finanziell davon. Präsident Gianni Infantino betonte, dass der Verband durch die Werbepausen keine zusätzlichen Einnahmen erziele, da die Verträge bereits vor Einführung der Regel abgeschlossen worden seien.

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Kommen die Trinkpausen jetzt auch in der Bundesliga, Champions League oder bei der EM?

Nein – zumindest nicht regelmäßig. „Über Trinkpausen wird weiterhin je nach Wetterlage situativ entschieden“, teilte die Deutsche Fußball Liga (DFL) der ARD-„Sportschau“ mit. Die UEFA plant nicht, diese Regularien für die kommenden Wettbewerbe zu verändern – das schließt die Champions League und die EM 2028 ein. Trinkpausen bei Bedarf sind in der Bundesliga schon länger möglich; bei großer Hitze können die Schiedsrichter sie ansetzen. Wie es bei der nächsten WM in vier Jahren aussieht, ist offen. Die FIFA werde auf der Grundlage der Erfahrungen bei diesem Turnier analysieren, wie man künftig mit der Neuerung umgehen werde. Aus Sicht von Infantino verbessern die Pausen die Spielqualität: „Wir haben noch nie erlebt, dass 90 Minuten in einem Turnier wie diesem mit einer solchen Intensität gespielt wurden.“