Trinkpausen bei der WM: Trainer entdecken die taktische Pause
Die Fans im Stadion verfluchen die Trinkpause, doch die Trainer lieben sie. Denn die Unterbrechung eröffnet ihnen eine Möglichkeit zum Eingreifen, die sie sonst nicht hätten. Bei der Weltmeisterschaft in Nordamerika werden die Spiele Mitte der ersten und Mitte der zweiten Halbzeit für eine Trinkpause unterbrochen – sehr zum Unmut der Zuschauer, die mit Pfiffen und Buhrufen reagieren.
Was der Weltverband Fifa mit der Sorge um das körperliche Wohl der Spieler begründet, dient vor allem der Geldvermehrung: Die Pausen lassen sich als Werbepausen vermarkten. Doch Trainer wie Julian Nagelsmann sehen darin einen großen Vorteil. Der Bundestrainer der deutschen Nationalmannschaft ist ein großer Freund der Trinkpausen – nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern aus taktischer Perspektive.
Nagelsmann: „Mehr ein Coachingbreak als eine Trinkpause“
„Als Fußballtrainer hat man, verglichen mit allen anderen Sportarten, die wenigsten Einflussmöglichkeiten während eines Spiels. Das war in meinen Augen schon immer Schwachsinn“, sagte Nagelsmann vor einem Vierteljahr im Interview mit dem „Kicker“. „Du musst dem Trainer die Chance geben, Dinge anzupassen. Denn darunter leidet nicht die Qualität des Spiels, sie wird auf jeden Fall besser.“
Diese Einstellung bestätigte sich im ersten WM-Spiel der Deutschen gegen Curaçao. Nach dem zwischenzeitlichen 1:1 in der 21. Minute pfiff der Schiedsrichter zur Trinkpause. Nagelsmann nutzte die Unterbrechung als Taktikpause, nachdem sein Gegenüber Dick Advocaat mit einer ungewohnten Raute im Mittelfeld überrascht hatte. Mit der Taktiktafel gab er seinen Spielern frische Anweisungen. „Es hat ziemlich gut geklappt“, sagte Linksverteidiger Nathaniel Brown später. Die Deutschen gewannen am Ende 7:1.
Viele Teams profitieren von der Pause
Nicht nur die Deutschen profitierten. Brasilien lag im Gruppenspiel gegen Marokko 0:1 zurück, bis Trainer Carlo Ancelotti in der Trinkpause eingriff. Kurz nach Wiederanpfiff erzielte sein Team den Ausgleich zum 1:1. Auch WM-Gastgeber USA traf gegen Paraguay gleich zweimal direkt nach der Trinkpause, und Schottland, Australien, Schweden, der Iran und Norwegen waren unmittelbar nach den Unterbrechungen erfolgreich.
Emma Hayes, Trainerin der US-Nationalmannschaft, bezeichnete die Hydration Breaks daher als „Momentum Breaks“ – Unterbrechungen, die den Flow einer Mannschaft stoppen können. „Eigentlich ist Fußball ein Spiel der Spieler, aber bei dieser WM ist es durch die Trinkpausen zu einem Spiel der Trainer geworden“, so Hayes.
Taktisches Kalkül für Trainer
Die Trinkpausen sind ein taktisches Mittel, das es gezielt einzusetzen gilt. Trainer wie Nagelsmann, der wie ein Schachspieler den nächsten Zug des Gegners antizipiert, müssen nun Fragen mitdenken wie: Was macht mein Gegenüber in der Trinkpause? Wie reagiere ich? Und wie kann ich die gegnerische Mannschaft vor neue Herausforderungen stellen?
Murat Yakin, Trainer der Schweiz, zeigte im zweiten Gruppenspiel gegen Bosnien-Herzegowina, wie man die Pause taktisch nutzt. Obwohl es 0:0 stand, wartete er bis zur zweiten Trinkpause, um drei frische Spieler einzuwechseln. „Wir haben den taktischen Moment gewählt. Wir hätten schon früher wechseln können, aber dann hätte der Gegner in der Trinkpause noch reagieren können“, erklärte Yakin. Die Schweiz gewann 4:1, und an allen vier Toren war mindestens einer der eingewechselten Spieler beteiligt.



