Handball-EM: Deutschland erreicht erstmals seit zehn Jahren wieder ein Finale
Wenn sogar der Bundeskanzler seine Wochenendpläne umwirft, um nach Dänemark zu reisen, dann muss etwas Besonderes im Gange sein. Friedrich Merz (CDU) wird am Sonntagabend in Herning in der Region Midtjylland das EM-Endspiel der deutschen Handball-Nationalmannschaft gegen Dänemark live verfolgen. „Wir sehen uns am Sonntag in Dänemark in der Halle“, verkündete er auf X und lobte das Team nach dem 31:28-Sieg gegen Kroatien im Halbfinale: „Finale – was für ein großartiges Spiel! Unsere Nationalmannschaft steht nach einem starken Turnier im EM-Endspiel.“
Systematische Aufbauarbeit trägt Früchte
Für den Deutschen Handballbund (DHB) sind dies glückselige Wochen. Nicht nur hat die Mannschaft das erste EM-Finale seit einem Jahrzehnt erreicht, sondern das Turnier dient auch als wichtige Werbeplattform. Mark Schober, seit neun Jahren Vorstandsvorsitzender des DHB, betont: „Das ist jetzt kein zufälliger Moment, sondern das Ergebnis von acht bis zehn Jahren systematischer Arbeit.“
Im Gespräch mit WELT AM SONNTAG erklärt Schober weiter: „Es tut uns gut, die aktuellen Auftritte unserer Nationalmannschaft zu erleben. In den vergangenen Jahren haben wir gemeinsam mit der Liga viel getan und auch strukturell einiges verbessert, sodass wir heute eine Mannschaft haben, mit der wir um die Medaillenplätze mitspielen können.“
Nationalmannschaft als Treiber für den gesamten Handballsport
Die Bedeutung der Nationalmannschaft für den Handballsport in Deutschland kann kaum überschätzt werden. Während Vereine wie der THW Kiel, die SG Flensburg-Handewitt oder der SC Magdeburg regional stark verankert sind, erreicht die Nationalauswahl mit Einschaltquoten wie 7,96 Millionen Zuschauern im Halbfinale gegen Frankreich eine ganz andere Dimension. Dies entsprach einem Marktanteil von 40,3 Prozent.
Schober betont: „Unsere A-Nationalmannschaft der Männer ist nach wie vor der Treiber für den Verband und den gesamten Handballsport. Deswegen ist der Januar eines jeden Jahres auch ein wichtiger Monat für uns. Denn die Erfolge unserer Nationalmannschaft bei großen Turnieren wirken sich auf den kompletten Handballsport aus – bis an die Basis.“
Positive Ausstrahlung auf kommende Großereignisse
Der aktuelle Erfolg strahlt bereits auf das nächste Großereignis ab: die Männer-Weltmeisterschaft 2027 in Deutschland. „Für die Männer-WM 2027 ist die EM aktuell eine wichtige Werbeplattform“, sagt Schober. „Wir sind seit dem 15. Dezember im Vorverkauf und haben für die Männer-WM in einem Jahr schon sehr viele Tickets verkauft.“
Die Zahlen sind beeindruckend: „Wir haben bereits 40 Prozent der Karten für die Männer-WM verkauft: 180.000 Tickets auf Tagesticketbasis. Auf der deutschen Linie sind es sogar 75 Prozent der Karten – heißt: Für Spiele unserer Nationalmannschaft in München und Köln sind aktuell keine Karten mehr verfügbar.“
Vergleich mit früheren Veranstaltungen
Schon einmal war Deutschland im sogenannten Jahrzehnt des Handballs Ausrichter einer Großveranstaltung: Vor zwei Jahren fand die Europameisterschaft im eigenen Land statt. Schober zieht einen Vergleich: „Die Resonanz auf die Weltmeisterschaft in einem Jahr ist deutlich größer, als sie es zwölf Monate vor dem Beginn der Heim-EM 2024 war. Das führe ich darauf zurück, dass insgesamt die Nachfrage nach unserer Sportart wächst.“
Ein weiterer positiver Effekt: Selbst an Standorten ohne deutsche Beteiligung ist die Nachfrage hoch. „Wir haben zum Beispiel in Magdeburg für einen Wochenendspieltag schon jeweils 4000 Karten verkauft. Dabei steht noch nicht einmal fest, wer dort spielen wird“, so Schober.
Das Finale gegen Dänemark
Während der Verbandsvorsitzende die positiven Entwicklungen feiert, müssen die Spieler den letzten Kraftakt einer anstrengenden Turnierreise bewältigen. Im Finale treffen sie auf Dänemark, das in jüngerer Vergangenheit fast alles gewonnen hat – Olympiasieger und Weltmeister sind die Skandinavier, doch der letzte EM-Titel liegt bereits 14 Jahre zurück.
In der Vorrunde unterlag Deutschland den Dänen mit 26:31. Für das Finale zeigen sich die deutschen Spieler dennoch zuversichtlich. Kreisläufer Justus Fischer verspricht: „Wir werden unser Leben auf der Platte lassen und hoffen, dass es dann Gold wird.“ Halbrechter Renars Uscins ergänzt: „Wir werden alles mobilisieren, um noch einmal 60 Minuten Vollgas zu geben. Ich denke, wir haben noch genügend Power für das Finale.“
Mit einem Durchschnittsalter von 26,1 Jahren und einem bodenständigen, positiven Auftreten ohne Starkult präsentiert sich die deutsche Mannschaft als sympathischer Gegenentwurf zur glamourösen Fußballwelt – und hat das Potenzial, noch einige Jahre in dieser Formation erfolgreich zu sein.



