Das Leben einer Leichtathletik-Ikone: Mary Rand ist tot
Die britische Sportwelt trauert um eine ihrer größten Legenden. Mary Rand, das "Golden Girl" der britischen Leichtathletik, ist im Alter von 86 Jahren verstorben. Ihre Karriere war geprägt von historischen Erfolgen und persönlichen Entbehrungen in einer Zeit, als olympischer Sport noch reine Amateurtätigkeit war.
Der Weg zum olympischen Ruhm
Bei den Olympischen Sommerspielen 1964 in Tokio schrieb Rand Sportgeschichte. Mit einer sensationellen Weite von 6,76 Metern gewann sie nicht nur die Goldmedaille im Weitsprung, sondern stellte zugleich einen neuen Weltrekord auf. Damit wurde sie zur ersten britischen Olympiasiegerin in der Leichtathletik überhaupt.
Dieser Triumph war umso bemerkenswerter, als vier Jahre zuvor bei den Spielen in Rom noch alles schiefgegangen war. Als 20-jährige Favoritin hatte sie damals nach zwei ungültigen Versuchen nur den enttäuschenden neunten Platz erreicht. Auch über 80 Meter Hürden verpasste sie knapp eine Medaille und landete hinter der Deutschen Gisela Birkmeyer auf Rang vier.
Dreifache Medaillengewinnerin und Zeitzeugin einer Ära
In Tokio gelang Rand jedoch der komplette Durchbruch. Neben dem Gold im Weitsprung sicherte sie sich Bronze mit der Sprintstaffel und Silber im Fünfkampf. Im Mehrkampf musste sie sich nur der sowjetrussischen Athletin Irina Press geschlagen geben, die gemeinsam mit ihrer Schwester Tamara die Leichtathletikszene dominierte.
Die Press-Schwestern standen Zeit ihrer Karriere unter dem Verdacht, entweder keine biologischen Frauen zu sein oder mit männlichen Hormonen gedopt worden zu sein. Als 1966 verpflichtende Geschlechtsüberprüfungen eingeführt wurden, beendete Irina Press ihre Karriere überraschend mit nur 26 Jahren.
Vom Fabrikarbeiter zum Golden Girl
Für die junge Mutter Rand, die ihre kleine Tochter im olympischen Gemeinschaftszimmer in den Schlaf sang, änderte der Olympiasieg alles. Aufgrund ihrer sportlichen Eleganz und ihres Aussehens wurde sie zum "Golden Girl" ihrer Epoche und sogar zum "Traumdate" von Rolling-Stones-Sänger Mick Jagger.
"Ich habe ihn zwar nie persönlich getroffen, aber als man ihn fragte, mit wem er gern ausgehen würde, sagte er, dass er mich wählen würde", erzählte Rand später in einem Interview.
Doch der Ruhm brachte keine finanziellen Vorteile. Während heutige Olympiasieger mit ihrem Sport ausgesorgt hätten, waren Athleten in den 1960er Jahren strikte Amateure. Vor ihrem Triumph hatte Rand für zehn Pfund pro Woche in der Postabteilung der Guinness-Fabrik gearbeitet - mit kostenlosem Mittagessen und einem Pint Bier als zusätzlicher Vergütung.
Plötzlicher Ruhm und frühes Karriereende
Nach den Spielen von Tokio wurde Rand zur gefragten Persönlichkeit. Sie war Stargast beim Filmfestival in Cannes und erhielt sogar Angebote für die Darstellung eines "weiblichen James Bonds". Doch die Sportlerin lehnte ab - sie wollte weiter trainieren und ihren Olympiasieg wiederholen.
Dieser Traum sollte sich nicht erfüllen. Kurz vor den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt riss sich Rand die Achillessehne. Mit nur 28 Jahren war ihre Karriere beendet. Ein Jahr später zog sie mit ihrem damaligen Ehemann, dem Zehnkampfolympiasieger Bill Toomey, in die USA und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück.
Ein bleibendes Vermächtnis
Erst 2024 in Paris sollte mit der Radsportlerin Emma Finucane wieder eine Britin drei Medaillen bei einer Ausgabe der Sommerspiele gewinnen - mehr als ein halbes Jahrhundert nach Rands historischem Triumph.
Ihre ehemalige Teamkollegin Ann Packer, die nur Tage nach Rand als zweite Britin olympisches Gold in der Leichtathletik gewann, würdigte die Verstorbene mit bewegenden Worten: "Mary hatte einfach alles. Sie hatte ihr Talent, sie hatte ihr Aussehen und sie hatte ihre Entschlossenheit. Außerdem war sie innerlich genauso nett wie äußerlich."
Mary Rand bleibt als Pionierin des britischen Frauensports in Erinnerung - eine Athletin, die in einer Zeit ohne professionelle Vermarktungsmöglichkeiten durch reines Talent und unbändigen Willen zur Legende wurde.



