Neubrandenburger Debatte um umstrittene Sportlerehrung
In Neubrandenburg geht die kontroverse Diskussion um die geplante Ehrung der Leichtathletinnen Katrin Krabbe und Grit Breuer-Springstein auf dem Walk of Sport weiter. Obwohl die Stadtvertreter bereits im Dezember mit deutlicher Mehrheit für die Verlegung von drei neuen Bronzeplatten gestimmt haben, bleiben die Meinungen in der Vier-Tore-Stadt gespalten. Bei einer gut besuchten Veranstaltung im Kino Latücht wurde deutlich, dass die Entscheidung weiterhin emotional aufgeladen ist.
Walk of Sport: Ehrungen trotz belasteter Vergangenheit
Die beiden Sportlerinnen hatten in den 1990er-Jahren zahlreiche Titel bei Europa- und Weltmeisterschaften errungen, doch ihre Karrieren wurden von Dopingvorwürfen überschattet. Nach Sperren wegen Medikamentenmissbrauchs folgten lange juristische Auseinandersetzungen. Katrin Krabbe erhielt beispielsweise Anfang der 2000er-Jahre eine Schadensersatzzahlung vom Leichtathletik-Weltverband IAAF. Trotz dieser belasteten Biografien hält die Stadt an der Ehrung fest.
Sportabteilungsleiter Martin Ramp betonte, dass die Stadtvertretung die Entscheidung nicht leichtfertig getroffen habe. „Wenn der Titel nicht aberkannt wurde, dann ist er für uns nachwievor existent“, erklärte Ramp. Die Volksvertreter hätten sich vor der Abstimmung intensiv mit dem Thema beschäftigt. An der beschlossenen Ehrung werde sich durch die aktuelle Diskussion nichts ändern.
Experten fordern kritischere Auseinandersetzung
Sportjournalist André Keil kritisierte die bestehenden Kriterien für die Walk of Sport-Ehrungen. Er forderte eine Überarbeitung der Auswahlrichtlinien und betonte, dass Athleten individuell betrachtet werden müssten. Wichtig sei zudem, dass sich die Sportler selbst reflektiert mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Keil mahnte: „Neubrandenburg hat einen Charakter und Geschichte als Sportstadt, jedoch ist auch die kritische Auseinandersetzung von Bedeutung.“
Sporthistorikerin Jutta Braun warnte davor, durch die Diskussion über Stasi-Verbindungen und Doping den DDR-Sport pauschal zu verurteilen. „Da sollte nicht Ost gegen West ausgespielt werden“, empfahl sie. Doping-Fälle seien auch im wiedervereinten Sport vorgekommen, und andere Systeme hätten den Sport ebenfalls für politische Zwecke missbraucht. Braun plädierte für eine Ausweitung der Kriterien und eine Kommentierung der Ehrungen.
Stadt plant digitale Aufklärung
Die Stadtverwaltung plant tatsächlich eine Kommentierung der umstrittenen Ehrungen. Auf der städtischen Internetseite und an einer digitalen Stele direkt am Walk of Sport sollen Themen wie Doping, Stasi-Vergangenheiten und die Vereinslandschaft Neubrandenburgs erläutert werden. Diese Maßnahme soll die komplexe Geschichte transparent machen.
Unter den etwa 60 Gästen der Diskussionsveranstaltung befand sich auch Klaus Dittmer, der 1970 als erster WM-Teilnehmer des SC Neubrandenburg in die Geschichte einging. Der heute noch aktive Sportler äußerte sich kritisch zur Debatte: „Ich finde es befremdlich, dass von außen mit so einer negativen Grundlage an die Diskussion herangegangen wird.“
Vereinspräsident distanziert sich von DDR-Vergangenheit
Frank Benischke, Präsident des SC Neubrandenburg, fand klare Worte. Zwar seien Themen wie Doping und Stasi-Vergangenheit wichtig, doch dürfe der heutige Verein nicht auf diese historischen Belastungen reduziert werden. „Der Verein heute hat nicht ganz so fürchterlich viel zu tun mit dem Sportclub Neubrandenburg, der staatlich finanziert und staatlich gelenkt war zu DDR-Zeiten“, stellte Benischke klar. Innerhalb des Vereins gebe es unterschiedliche Meinungen zu den geplanten Ehrungen.
Stadtpräsident Thomas Gesswein (CDU) relativierte die Debatte mit dem Hinweis, dass heutige Entscheidungsträger nicht bei den damaligen Ereignissen dabei gewesen seien. Diese Aussage wurde von Sportjournalist Keil kritisch hinterfragt, da dies gleichermaßen für die sportlichen Erfolge gelte. „Das finde ich eine schwierige Debatte“, resümierte Keil den Abend.
Kritiker fordern differenzierte Aufarbeitung
André Rohloff, Landesvorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus in Mecklenburg-Vorpommern, gehört zu den prominentesten Kritikern. Er hatte sich bereits im November 2025 skeptisch zur Ehrung geäußert. Nach der Veranstaltung im Latücht bilanzierte er: Die geplante Ehrung zeige, „dass man sich zwar an positive Leistungen erinnern möchte, jedoch die mehrschichtigen, belasteten Geschichtslasten in Neubrandenburg gerne ausblendet.“ Eine engagierte Auseinandersetzung mit den Ambivalenzen der Vergangenheit sei notwendig.
Im April sollen die Bronzeplatten für Katrin Krabbe und Grit Breuer-Springstein schließlich verlegt werden. Ein genaues Datum steht noch nicht fest. Die Stadt will darüber in Kürze informieren, wie Martin Ramp ankündigte. Die Debatte um Sportlerehrung, historische Verantwortung und die Gefahr einer Ost-West-Spaltung wird Neubrandenburg jedoch noch länger beschäftigen.



